Militär, Maskulinität und Sicherheit – einführende Gedanken

Quelle: https://www.dbwv.de

Militärische Geschlechterstereotype, andro- bzw. eurozentrische Sicherheitsvorstellungen und Formen hegemonialer Männlichkeit prägen heutzutage Nationalstaaten und militärische Einrichtungen. In diesen Beitrag gilt es zu zeigen, wie sich diese Stereotype, Vorstellungen und Ideale durchgesetzt haben und wie diese die Internationalen Beziehungen prägen.

1) Historische Entwicklung:

Die Rolle der Frauen im Militär bzw. die Rolle der “kleinen Leute” wurde systematisch ausgeblendet aus der klassischen Militärgeschichte (Frevert 1996, Barton 1981). Der Fokus lag überwiegend auf heroische, tapfere Krieger und hohe Offiziere und auf Könige, Fürsten und dem Adel (ebd.). Erst mit dem Paradigmenwechsel in der Geschichtswissenschaft, schwenkte der Fokus in Richtung Sozialgeschichte des Krieges und umfasste Versorgungsketten, Frauen, Reproduktions- und Carearbeit sowie weitere gesellschaftliche Faktoren (Barton 1981). Mit diesem Blick wird sichtbar, dass das Militär der Frühen Neuzeit andere Werte vermittelte, anders organisiert war und einen wesentlichen Wandel erlebte. Bereits in der Antike wurde ein Großteil der logistischen, handwerklichen, versorgenden und unterstützenden Aufgaben des Heeres im Feld vom Tross übernommen, der den kämpfenden Einheiten in geringem Abstand folgte und so längere Feldzüge erst möglich machte. Der Tross wurde in der Frühen Neuzeit als irregulärer Teil der immer größer werdenden Heere betrachtet (Wilson 1996: 127-160). Das Gefolge der Armeen setzte sich von Knechten, Jungen, Handwerkern, Gauklern, Prostituierten und Händlern (Hämmerle 2000) und zum größten Teil aus den Soldatenfamilien (“Beute- u. Produktionspaar”) zusammen, die in den Kriegswirren ihren Ehemännern, Vätern und Gefährten quer durch Europa folgten. Daraus lässt sich schließen, dass die Größe des Trosses in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zumindest in etwa der Personenzahl der Armee entsprach, der er folgte (Barton 1981). Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges kam es schlussendlich zu einer Disziplinierung, Re-organisierung und zur Monopolisierung des militärischen Apparates. Schließung von Soldatenehen wurden durch neue Gesetze verunmöglicht, Kinder und Frauen aus dem Militärwesen verdrängt und die wandernden Söldner wurden zu stehende Heere umgestaltet. Die aufkommenden Nationalstaaten im 18. Jh. monopolisierten das Militär, erhoben Steuern, entwickelten Garnisonstädte und militarisierten sogar die Versorgung. Es kam zu einer Trennung von zivilen und militärischen Bereichen, zur „Vermännlichung des Militärs“ und der Staatsbürgerschaft. Die Staatsbürgerschaft wurde deswegen “vermännlicht”, weil diese an der Wehrpflicht gebunden wurde. Auch diese Entwicklungslinie zeigt deutlich intersektionale Aspekte auf: Dominierte anfangs noch der Adel das militärische Wesen und besaß das Gewaltmonopol, wurde dieses im Laufe der Zeit “demokratisiert”. Mit der Einführung der allgemeinen (männlichen) Wehrpflicht, von der sich wohlhabende und reiche Männer herauskaufen konnten, wurden erstens Frauen nicht nur vom Militär, sondern auch von der damit einhergehenden Staatsbürgerschaft ausgeschlossen und zweitens wurden somit die nationalstaatlichen Interessen und die Interessen der damit verbundenen Eliten mit dem Allgemeininteresse gleichgesetzt. Um das Militär eine Sache der ganzen Nation zu machen, mussten die ständischen Beschränkungen aufgehoben werden, die das Offizierkorps zu einem Reservat des Adels bestimmten (Frevert 1996: 77). Militär und Staat reformierten sich, sodass der „Bürger-Soldat“ überzeugt werden konnte, dass sich sein Einsatz lohne (ebd.). „Echte Männer mussten einerseits ihre Tapferkeit im Schlachtfeld für die eigene Nation erst unter Beweis stellen, anderseits wurden sie dadurch mit der Staatsbürgerschaft (Partizipationsrechte) „belohnt“. Dies sind die Grundvoraussetzungen warum der “Staat als Männerbund” (Sauer) und das Militär als “male-defined institution” (Enloe 1989) angesehen werden kann. Dies geht gleichzeitig mit einer ideologischen Rechtfertigungsstrategie und mit gewissen Macht- und geschlechterspezifischen Herrschaftsverhältnissen einher:

2) Maskulinität und hegemoniale Männlichkeit

Und wenn der Mann nicht die Waffen trägt, und das Weib sich nicht fleißig am Herde regt, So kann’s auf die Länge nicht richtig stehn, und Haus und Reich muss zu Grund geh’n.“ – Ernst Moritz Arndt (1813).

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelten sich nationalstaatliche Militärapparate als Grundlage moderner militärischer Institutionen. Ebenfalls in dieses Jahrhundert fällt die Etablierung dichotomer Geschlechterideologien, die Frauen als emotional, passiv, friedliebend und häuslich und Männer als rational, aktiv, kriegerisch und der öffentlichen Sphäre zugehörig charakterisieren (Stachowitsch 2010: 35). Diese dichotome Hierarchisierung finden wir nicht nur im Militär: Die Trennung von häuslicher und beruflicher Sphäre und die Ausgliederung eines Großteils jener Bereiche der Produktion, die von Frauen und Männern gemeinsam betrieben worden war, in zunächst kleinere und dann größere Fabriken, schrieb Frauen zunehmend auf die übrig gebliebenen Aufgaben Kindererziehung, Nahrungszubereitung und Hausarbeit fest (ebd.). Die Funktionen der Familie veränderten sich unter diesen Bedingungen: sie wurde zum zentralen Ort für Sozialisierung zukünftiger und Regeneration aktueller Arbeitskräfte der industrialisierten Ökonomie. Der neue Fokus im Aufgabenbereich von Frauen erzeugte Ideologien, die die Arbeit der Hausfrau und Mutter in Zusammenhang mit dem Wohl der Gesellschaft und der Nation brachte (Margolis 2000, 73). Das Modell der Kleinfamilie mit abhängiger Hausfrau war zentral für das Funktionieren des Industriekapitalismus, da die so konzipierten Geschlechter- und Familienverhältnisse maßgeschneidert für die maximale Vergrößerung von privatem Konsum war, von dem die US-amerikanische Wirtschaft abhängig war (Stachowitsch 2010). Mittelschicht-Frauen wurden nicht nur nicht am Arbeitsmarkt gebraucht, ihre unentlohnte Arbeit als Organisatorinnen des Konsums und Erzieherinnen der nächsten Generation von Arbeitskräften war für die Aufrechterhaltung der bestehenden sozialen Ordnung notwendig (ebd.). In Wechselwirkung mit diesen sozioökonomischen Prozessen veränderten sich auch militärische Institutionen, Formen der Kriegsführung und geschlechtsspezifische Arbeitsteilung im militärischen Bereich (ebd.). Während alle Männer als potentielle Krieger und mutige, gar aggressive Beschützer des Landes und Frauenkörper betrachtet wurden, blieb “der Frau” nur die Rolle der friedlichen und schutzbedürftigen Person im zivilen Bereich übrig (Stiehm 1988, zit. In Stachowitsch 2010: 37). In der entstehenden bürgerlichen Gesellschaft waren politische Partizipationsrechte an diese Waffenfähigkeit gebunden, die erstmals vom Mann-Sein allein abhing. Mythen von der ‚Männlichkeit’ des Krieges müssen vor dem Hintergrund dieser Wandlung von Söldner- und Fürstenkriegen zu Volks- und Massenkriegen betrachtet werden, die die Rolle von Frauen in den meist einkommenslosen Sphären des Militärs etablierten (Soldatenehefrauen und –mütter, ehrenamtliche Mitarbeiterinnen in Hilfsorganisationen, Kriegsbefürworterinnen an der ‚Heimatfront’, etc.) (Kreisky 2003, 1 zit. In: Stachowitsch 2010: 37). Doch wie bringt man den männlichen Bevölkerungsteil sich freiwillig fürs „Vaterland“ zu opfern?

Oberleutnant Neidhardt von Gneisenau plädierte daher schon 1808 den kriegerischen Geist in der männlichen Bevölkerung „zu wecken, zu verbreiten und zu erhalten“ (zit. in Frevert 1996: 73). Heroismus, Opfergeist, Ehre, Pünktlichkeit, Mut – kurzum die Disziplinarmacht des Militärs wurde nicht nur bloß zur „staatsbürgerlichen Ehre“, sondern fungierte als politisches Initiationsritual (ebd.: 79). Es spricht also vieles dafür, dass der männliche Geschlechtscharakter im Laufe des 19. Jh. zunehmend soldatische Elemente inkorporierte (ebd.: 76). Militärische Werte und Ordnungsvorstellungen wurden zum Allgemeingut der männlichen Nation (ebd.).

Strukturelle Bedingungen führten sowohl in Europa als auch in Nordamerika zur Idealisierung kriegerischer Männlichkeit und der Etablierung des Militärdienstes als Ort männlicher Initiationsriten (Das Militär als Schule der Männlichkeiten – Frevert). In diesen wurden Unterschiede zwischen Männern scheinbar aufgehoben und die Nation zum zentralen Bezugspunkt. Erst unter Berücksichtigung der dargestellten strukturellen Gegebenheiten wird erklärbar, wie der Soldat zum idealtypischen Träger und zum Inbegriff von Männlichkeit wurde (Morgan 1994, 165). Diese verdeutlichen, warum das Naheverhältnis zum Militär als bester Beweis für ‚echte Männlichkeit’ gilt und komplementäre Vorstellungen von ‚echter Weiblichkeit’ entstanden. Je größer die gesellschaftliche Bedeutung des Militärs, desto größer die Idealisierung kriegerischer, männlicher Eigenschaften auch im zivilen Bereich. Der idealtypische Soldat wurde zum hegemonialen  Männlichkeitstypus (Connell 1995 zit. In Stachowitsch 2010: 38). Prof. Saskia Stachowitsch beschreibt weiter die geschlechterspezifische Rollen im Militär: “Auch die symbolische Bedeutung des Schutzargumentes als Legitimation militärischen Handelns und die Konstruktion von Frauen als schützenswerten männlichen Besitz (Seifert 1996, 180ff.) sind Folge von den militärischen Wandlungsprozessen des 19. Jahrhunderts. Frauen werden seither häufig als „wahrer Grund“ für Kriege angeführt, gleichzeitig wird ihnen oftmals die Schuld im Falle des Scheiterns zugeschoben (Albrecht-Heide 1988, 118f.) Weibliche Opfer stellen diesen Beschützermythos nicht in Frage, auch wenn die Unversehrtheit des weiblichen Körpers männliche Stärke symbolisiert. Auch die Vorstellung von Frauen als friedfertig und lebenserhaltend, wie sie teilweise in der Antikriegsbewegung instrumentalisiert wird (Cockburn 1998), ist Teil dieser kulturellen Äußerungen sozialer und in diesem Fall vor allem militärischer Strukturen. Mit anderen Worten: gesellschaftliche Umstände erklären die Instrumentalisierbarkeit von Geschlechterbildern in kriegerischen Konflikten. Veränderungen der Umstände verändern diese Bilder und ihre Funktionalität. Vermännlichung von kämpfenden Frauen, Verweiblichung von Feinden (Enloe 1990) bzw. von Kriegsgegnern und –verweigerern (Gray 1959) sowie beide Formen der Vergeschlechtlichung in Darstellungen von Gruppen, Nationen, Ereignissen, etc. sind Phänomene, die aufgrund historischer Verknüpfungen von Männlichkeit und Krieg besonders in kriegerischen Konflikten auftreten. Trennung von häuslicher und Erwerbsarbeit und Etablierung des bürgerlichen Kleinfamilienmodells im Industriekapitalismus sowie Verstaatlichung und Militarisierung der Kriegsführung sind jene Bedingungen, die diese Geschlechterstereotype in den USA im Übergang zum 20. Jahrhundert hervorgebracht haben und bis heute beeinflussen – so die Konklusion der Forschungsarbeit von Prof. Stachowitsch (2010: 39).

Doch auch dieser zuvor beschriebene Trend erlebte eine Wende. Aufgrund der gesamtgesellschaftlichen Technologisierungs- und Rationalisierungsprozesse nahm die Vernunft einen immer wichtigeren Standpunkt in der Gesellschaft ein, im Gegensatz zur physischen Arbeit. Mit der Neoliberalisierung und Globalisierung, also spätestens seit den 1970er strömten immer mehr Frauen auf den Arbeitsmarkt. Militärische Einrichtungen öffneten sich gegenüber weiblichen Arbeitskräften und das Militär wurde in vielen Staaten zum größten Arbeitgeber des Landes. Die Kriegsführung wurde technologisiert und daher wurde auch der bürokratische Apparat des Militärs größer. Dies weckte einen Bedarf an (höher) qualifizierten Arbeitskräften. Die militärischen Streitkräfte wurden nicht mehr auf Bodentruppen und Kampfeinheiten reduziert, sondern differenzierten sich in vielfältige Sparten und Ausbildungseinrichtungen, wo unzählige Frauen integriert wurden. In den USA sieht man diesen Prozess eindeutig nach dem Vietnamkrieg, genauer 1973 mit der Abschaffung der Wehrpflicht und der Einführung eines Berufsheeres (All-Volunteer Force [AVF]). Die Umstellung wurde mit dem Wunsch der damaligen Friedensbewegung legitimiert, ermöglichte gleichzeitig die Reduktion von Truppenstärke und Ausbildungskosten, wodurch wiederum besser ausgebildetes Personal sowie immer teurere Militärtechnologien leistbar wurden ( Warner/Asch 2001: 170f. Zit in: Stachowitsch 2010: 43). Gleichstellung im Sinne der Effizienz. Mit dieser Entwicklung wurden die liberalen Wege frei für das Motto: “Equal Opportunity to Die for Our Country” (Stachowitsch 2010). Angesichts des bisher gesagten, möchte ich nun den derzeitigen Sicherheitsdiskurs und Gewaltbegriff analysieren.

3) Sicherheitsdiskurs

Von welchen Sicherheitsbegriff wird ausgegangen bzw. soll man ausgehen? Um wessen Sicherheitsbedürfnis geht es überhaupt?

Ökonomische Globalisierung, fortschreitende Technologisierung und Professionalisierung der Kriegsführung sowie die ‚Krise des Staates’ sind die Hintergründe für den Boom markvermittelter Sicherheit in den letzten zwei Jahrzehnten (Stachowitsch 2010: 163). Einem scheinbar losgelösten globalisierten Markt, steht paradoxerweise ein immer deregulierter Staat und eine immer stärker werdende Sicherheitsmaschinerie gegenüber. Sicherheit wie hier skizziert hat viele Facetten. In einer Zeit der Dauerkrise (Migrations-, Wirtschafts-, Umweltkrise…) muss sich auch die EU vor immer größer werdenden Herausforderungen stellen. Die Widersprüche des kapitalistischen Systems und unserer „imperialen Lebensweisen“ (Brand) treten ans Tageslicht und sorgen zudem seit der Zäsur (Czempiel 2003) vom 11. Sept. 2001 für „Angst und Schrecken“ (Donhauser 2015), was wiederrum das Bedürfnis nach Sicherheit steigert. Der Ausgangspunkt dieser „Angst“ liegt im Zentrum (USA) und wirkt sich auf die Peripherie aus, oder anders formuliert: Die weltweite Hegemonie des „Imperiums der Angst“ (Barber 2007), also das Konzept der „Pax Americana“ neigt sich dem Ende. All die erwähnten sozialen Trends hat der deutsche Friedensforscher Werner Ruf präzise auf den Punkt gebracht: „Die „Versicherheitlichung“ nahezu aller Aspekte des sozialen Lebens im weitesten Sinne von der Ökologie bis zur Migration, vom Zugang zu Rohstoffen bis zum Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen gibt Konflikten jeder Art eine – auch – militärische Dimension.“ (Ruf 2014: 53). Ökonomische und militärische Sicherheit wird andro- und eurozentrisch bzw. angloamerikanisch definiert: und zwar als Sicherung des privilegierten Lebensstandards, als Absicherung der imperialen Lebensweise (Brand/ Wissen 2016) und als Sicherung der Ressourcen (selbst wenn diese in fremden und weit entfernten Regionen sich befinden) verstanden. Es geht also auch um die Kontrolle von militärstrategisch wichtigen Orten und Grenzen wie Meerengen, Flussmündungen, Landengen, Inseln, Pässen, Höhenzügen und Oasen sowie um die Kontrolle von Rohstoff- und Energievorkommen, Wasser(läufen) und Böden zur Nahrungsmittelproduktion (Ulrich Menzel 2001: 59). Die Zukunft so scheint es, wird also sehr wohl konfliktgeladen aussehen:

Schon heute werden zwischen „alten“ und neuen Industriestaaten harte Handelskonflikte ausgefochten, etwa um strategische Rohstoffe wie „seltene Erden“ (Mahnkopf 2013: 33).

Nicht nur für die Shanghei Cooperation Organization (SCO) spielt die Frage nach der Ressourcensicherung eine zentrale Rolle, sondern auch für die EU und ihre Mitgliedsstaaten. Die Richtlinien der Bundeswehr stand diesbezüglich schon 1992 fest: Es geht um die „Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt im Rahmen einer gerechten Weltwirtschaftsordnung“ (Bundesministerium der Verteidigung 1992, II, 8, (8); zit. in Roithner 2011: 70).

Die österreichische Sicherheitsstrategie aus dem Jahr 2013 strebt die „Sicherstellung der Verfügbarkeit lebensnotwendiger Ressourcen“ (Bundeskanzleramt 2013: 9; zit. in Roithner 2011: 70). Diese strategischen Maßnahmen leuchten ein, angesichts des Long Term Vision 2025 Report der EU-Verteidigungsagentur: Bis 2025 wird die externe Abhängigkeit von Öl auf 90% und die von Gas auf 80% ansteigen (EDA 2006, zit. in Roithner 20011). Von Eisenerz ist die EU bereits heute zu 85%, von Bauxit zur Aluminiumerzeugung zu 95% und von Seltenen Erden, Molybdän und Kobalt zur Metallverarbeitung zu 100% abhängig (Der Standard 2012, zit. in Roithner 2011: 70). Die EU-Kommission setzt heute noch auf diese Strategie:

„Reliable and unhindered access to certain raw materials is a growing concern within the EU and across the globe.” (EC 2018a) bzw.

“Access to raw materials on global markets is one of the European Commission’s priorities.” (EC 2018b).

Der Rohstoffverbrauch der EU, die kapitalistische Produktionsweise und neoliberale Politiken stehen hingegen nicht zur Debatte (vgl. CEO 2011). Auch die Welt der privatisierten Sicherheit ist eine personell und diskursiv durch und durch männliche (Stachowitsch 2010: 164).

Und welche Rolle nehmen hier Frauen ein? Frauen, die im 21. Jh. zum anerkannten Teil des Militärs geworden sind (Eifler 2010: 46), dürfen von der hier beschrieben Versicherheitlichung der Gesellschaft bzw. der Absicherung der imperialen Lebensweise nicht (gänzlich) “unschuldig” gesprochen werden. Sie tragen auch zur Absicherung dieser Lebensweise bei, indem sie billige Produkte aus dem globalen Süden konsumieren, indem sie billig in wärmere Regionen reisen (und dort paradoxerweise von der billigen Arbeitskraft der Frauen profitieren) und u.a. indem sie militärische Basen weltweit (mit-)aufrechterhalten, welche wiederum mit der strukturellen Ausbeutung und Unterdrückung von Frauen (z.B. Prostitution rund um Militäreinrichtungen) einhergehen (Enloe 1989). Trotz dieser Mittäterschaft steht hinter dem Sicherheitsdiskurs ein hegemonial männliches und imperiales Interesse.

Eine feministische Neudefinition von Sicherheit, die beispielsweise Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit einbezieht, ist oft Teil des feminischten Forschungsprogramms. Das Militär wird als antithetisch zu diesem Sicherheitsbegriff verstanden (Tickner 2001, 62). Internationale Konfliktlösungsstrategien werden auf ihr Potential zur Perpetuierung von Machtverhältnissen und Geschlechterungleichheit überprüft (ebd., 8f. Zit. In Stachowitsch 2010: 11).

Quellen:

Barton C. Hacker, Women and Military Institutions in Early Modern Europe. A Reconnaissance, in: Signs 6 (Summer 1981), S. 643– 671.

Christa Hämmerle, Von den Geschlechtern der Kriege und des Militärs. Forschungseinblicke und

Bemerkungen zu einer neuen Debatte, in: Thomas Kühne, Benjamin Zieman (Hrsg.), Was ist Militärgeschichte?, Paderborn –München–Wien 2000, S. 229–262.

Christine Eifler, Militär und Geschlechterverhältnisse zu Beginn des 21. Jh. in: Martina Thiele, Tanja Thomas, Fabian Virchow (Hg.). Medien – Krieg – Geschlecht. Affirmationen und Irritationen sozialer Ordnungen. Springer VS Verlag (2010).

Cynthia Enloe, Gender Makes the World Go Round, in: Dies. (Hg.), Bananas, Beaches and Bases. Making Feminist Sense of International Relations, Berkeley/Los Angeles: University of California Press, (1989), 1-18.

Daniel Feichtner, “Trosserinnen”: Die Rolle von Frauen in den Söldnerheeren der frühen Neuzeit. In: historia.scribere 3(2011).

Peter H. Wilson, German Women and War. 1500-1800, in: War in History 3 (1996), S. 127–160.

Saskia Stachowitsch, ‚Equal Opportunity to Die for Our Country’ Militärische Geschlechterideologien im Kontext sozialer und militärischer Wandlungsprozesse am Beispiel medialer Debatten um Frauenintegration ins US-Militär, Dissertation an der Uni Wien (2010).

Weitere Literatur:

Tickner, J. Ann (1992) Engendered Insecurities: Feminist Perspectives on International Relations, in: Dies. (Hg.), Gender in International Relations : Feminist Perspectives on Achieving Global Security, New York: Columbia University Press, 1-26.

Frevert, Ute (1996): Soldaten, Staatsbürger. Überlegungen zur historischen Konstruktion von Männlichkeit, in: Kühne, Thomas (Hg.): Männergeschichte – Geschlechtergeschichte. Männlichkeit im Wandel der Moderne, Frankfurt am Main: Campus, 69-87.

Harders, Cilja (2004): Krieg und Frieden in den Internationalen Beziehungen, in: S. Rosenberger/B. Sauer (Hg): Politikwissenschaft und Geschlecht. Konzepte – Verknüpfungen – Perspektiven, Wien, S. 229-49.

Basham, Victoria M. (2016): Gender and Militaries: The Importance of Military Masculinities for the Conduct of State Sanctioned Violence, in: Simona Sharoni, Julia Welland, Linda Steiner and Jennifer Pedersen (Hg.), Handbook on Gender and War, Cheltenham, UK/Northampton, MA, USA: Elgar, 29-46.

Niva, Steve (1998): Tough and Tender. New World Order Masculinity and the Gulf War, in: Marysia Zalewski and Jane Parpart (Hg.), The ‚Man‘ Question in International Relations, Boulder, CA: Westview Press, 109-28.

Tickner, J. Ann (1992) Engendered Insecurities: Feminist Perspectives on International Relations, in: Dies. (Hg.), Gender in International Relations : Feminist Perspectives on Achieving Global Security, New York: Columbia University Press, 1-26.

Wibben, Annick T.R. (2016): Feministische Sicherheitsstudien: Rückblick und Ausblick, in: Gabriele Abels (Hg.): Vorsicht Sicherheit!Legitimationsprobleme der Ordnung von Freiheit. 26. wissenschaftlicher Kongress der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft, Baden-Baden: Nomos, 199-218.

Quelle: http://slideplayer.org/slide/898115/

 

Dieser Beitrag ist verfasst von Josef Mühlbauer BA, am 18.6.2019, inspiriert von Prof. Saskia Stachowitsch (Universität Wien).

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