Propaganda und PR

Ein zitierfähiger US-Präsidenten ist mit Sicherheit John Q. Adams, welcher in seiner Rede vom 4. Juli 1821 folgende vorausschauende Weisheit kundgab:

Erzengel
medium.com

„if the U.S. goes abroad, in search of monsters do destroy, the U.S. will be involved beyond the power of extrication, in all the wars of interest and intrigue, of individual avarice, envy, and ambition (…). The fundamental maxims of the U.S policy would insensibly change from liberty to force. The U.S might become the dictratress of the world but she would be no longer the ruler of her own spirit.“ (Gardner, S.108).

Angesichts dieses Zitates, könnte man den US-Präsidenten Adams als einen Hellseher bezeichnen, denn die USA hat stets außenpolitische Monster gesucht, geschaffen und gejagt – werfen wir nun einen genauen Blick wie man Monster überhaupt erschaffen kann:

Begriffsbestimmung: Das lateinische Verb „propagare“ bedeutet so viel wie „verbreiten“, „ausdehnen“ und „fortpflanzen“. Papst Gregor XV. schuf im Jahre 1622 die Kongregation (= päpstliches Ministerium) „de propaganda fide“ („um den Glauben zu verbreiten“), um organisiert dem Protestantismus entgegenzutreten. Der Name dieses päpstlichen Instituts wurde später in viele Sprachen übernommen, um durch das Wort Propaganda den Versuch zu bezeichnen, erwünschte Sichtweisen zu erzeugen und Reaktionen zu steuern. Im weitesten Sinne kann daher ebenso wie die Werbung in der Wirtschaft auch religiös motivierte Missionierung als Propaganda bezeichnet werden. Propaganda vermag manipulativ zu wirken, indem sie Wahrheiten verdreht und auf diese Weise die Öffentlichkeit beeinflusst, um bestimmte Reaktionen zu provozieren (Österreichische Mediathek).

Ursprung und Geschichte: Schon zu antiken Zeiten wurde die „einfache Bevölkerung“, von den jeweiligen Eliten, sozio-politisch manipuliert. Mittels Skulpturen, Gemälde, Theater-Aufführungen und begabte Oratoren, also spezialisierte Redner in strategischer Kommunikation (Knape) wurde die herrschende Elite als Gott-gleich dargestellt, um ihre Erhabenheit gegenüber den einfachen Bürgern zu präsentieren. Auf hochfrequentierten Handelsstraßen fanden Kreuzigungen statt (Akt des Terrors), um mittels massenpsychologischer Abschreckung die vorherrschende sozial-politische Gesellschaftsstruktur beizubehalten – eine Art der Disziplinierung, welche heutzutage lediglich mit latenter Gewalt stattfindet (Foucault 1993, 2005). Schon damals brauchte man ein „Theater des Schreckens“ und eine mediale Plattform um die bestmögliche Wirkung zu entfalten (Dülmen, 1995). Das heutige Equivalent wäre der 11. Sept. Mit den Worten „Romores, vox populi, res publicae“ – erkannte die Elite schon zu antiken Zeiten, die Wichtigkeit der „public opinion“ / öffentlichen Meinung. Im 12. und im 13. Jhdt. zeugen die Pamphlets von Hohenstauffens und Walther von der Vogelweise (Bernays, 1923), dass die PR und die Propaganda sehr alte Instrumente der gesellschaftlichen Manipulation darstellen. Nicht zufällig erscheint die erste Zeitschrift in Europa 1609, aufgrund der reichen schwäbischen Kaufmannsfamilie Fugger, welche ihre „kirchlichen Privilegien“ auch theologisch untermauern wollten. Zur Zeit der französischen Revolution wurde sogar ein Propaganda-Ministerium (sog. Bureau d’Esprit) etabliert, um eine bessere Kontrolle der Presse zu erzielen (Lachenicht, S.65). Zur fast selben Zeit in Amerika wurde der Revolutionär und einer der Gründerväter der USA, nämlich Samuel Adams als „Presseagent der Revolution“ genannt (Bernays, 1923).

Doch nicht nur im politischen Bereich, werden Menschen manipuliert. Im Prinzip, so das Fazit des bulgarischen Prof. der Philosophie Vencislav Bondikov, unterliegen wir alltäglich der Manipulation – dies ausgehend von Freunden und der Familie (Bondikov, S.15). Manipulation muss also nicht zwanghaft negativ belegt sein. Es kann ja zu unserem eigenem Wohl geschehen, ähnlich einer manipulativen Geste einer besorgten Mutter. Es besteht unter der Elite der Glaube, dass Rationalität nur unter ihnen und nicht unter dem gewöhnlichen Volk zu finden sei, deswegen müsse man die breite Masse in Illusionen, Ablenkungen und Desinformation, zur Ruhe wiegen (Chomsky, 1989). Dieses negative (fast schon misanthropische) Menschenbild – der Mensch sei ein irrationales, von unbewussten Trieben gesteuertes Wesen, welches ein kulturelles Halsband und Ketten braucht, ist sowohl im Kapitalismus (neoliberale Demokratie), im Sozialismus als auch in der nationalsozialistischen Ideologie vorzufinden.

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Ivy Lee, jamesclear.com
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Edward Bernays, sourcewatch.org

Public Relations (PR): Diese Idee – man müsse die Gedanken der Öffentlichkeit kontrollieren, ist eine rein amerikanische (wurde mit der Geburt der PR perfektioniert) angesichts der Gründerväter der PR, Ivy Lee und Edward Bernays. Lee hatte zahlreiche Kunden aus der Hochfinanz und aus dem Big-Business – wie z.B. John D. Rockefeller (Ludlow-Massaker), den Firmen „Pennsylvania Railroad“ oder „Bethlehem Steel“. Er arbeitet auch für die US-Tochtergesellschaft I.G. Farben und war im F-Kreis tätig, welche konstitutive Elemente des NS-Aufstieg waren (Sutton). Edward Bernays hingegen war ein Neffe von Sigmund Freud und ein Urenkel des Hamburger Rabbiners Isaak Bernays (Schäfer). Somit hatte er die besten Voraussetzungen, die Psychologie mit den Sozialwissenschaften zu verknüpfen. Der Propagandaminister des Dritten Reiches, Joseph Göbbels fand seinen Lehrer in Bernays, als er sein Buch „Crystallizing Public Opinion“ studierte (vergl. Tye, S. 111). Das Zitat von Bernays spricht Bände und erklärt warum die Nazis seine Ideen verwirklichten:

„Wenn wir den Mechanismus und die Motive des Gruppendenkens verstehen, wird es dann möglich sein, die Massen, ohne deren Wissen, nach unserem Willen zu kontrollieren und zu steuern?“ (Bernays, Propaganda, S. 47)

Wahlen
Pawel Kuczynski

Dabei kommt natürlich die Frage auf, welchen Willen wir eigentlich gehorchen und welche Auswirkung dies auf die Demokratie hat – oder leben wir schon längst in einer Gesellschaft mit „symbolischer Politik“ (Chrouch, Postdemokratie)? Studien belegten schon 1968, dass die Macht der Medien sogar die US-Wähler/Innen und somit ganze Wahlen beeinflussen können (DiMaggio S. 8; Perse S. 27). Der Korporatismus, also im Detail: die Fortune 1000 Konzerne und somit auch die Hochfinanz, haben die sozial-politische Instrumente namens Massenmedien und PR fest im Griff – wie es der amerikanische Professor Peter Phillips klar belegt: „das Netzwerk aus überlappender Interessen und Verbindungen, zwischen den Medien und dem Big Bussines sind deutlich zu sehen, nicht nur anhand der 155 Direktoren der elf größten US-Medien, welche gleichzeitig im Vorstand oder im Direktorenboard von 144 Konzernen der Fortune 1000 sitzen.“ (Phillips, S.57). Doch dies geschieht zum Allgemeinwohl oder? Leider nein! Der Vietnam-Krieg basierte auf einer Lüge und brachte Millionen Menschen ums Leben – wobei die Medien ihren Teil zur Propaganda beitrugen (DiMaggio; Mickey Z, S. 57). Auch der Irak-Krieg basierte auf einer Lüge (WMD – Weapons of Mass Destruction) und verursachte Hungersnöte, humanitäre Katastrophen und unzählige Tote. Wer dabei hilfreich zur Hand ging, sollte jedem bewusst sein nach einem folgendem Zitat des ehem. Washington Post Assistent-Redakteur Karen Deyoung: „We are inevitably the mouthpiece for whatever administration is in power“ (Kurtz). Die US-Intervention im Kuwait-Krieg, basierte auf die Lüge, dass irakische Soldaten in einem kuwaitischen Spital Babys aus den Brutkästen zären, um sie brutal auf den Boden zu werfen (Brutkastenlüge). brutkastenlügeHier im Bild sehen wir die weinende „Nayriah“, welche die erfundene Geschichte der amerikanischen PR-Agentur Hill & Knowlton vor dem US-Kongress erzählte ( Regan; Morris; Ganser). Der Historiker und Friedensforscher Dr. Daniele Ganser, erklärt im Detail den Zusammenhang zwischen den Medien und der gezielten Kriegspropaganda in seinem Vortrag – (hier zu finden). Mittels Angst und Schrecken werden nicht nur Kriege gerechtfertigt, sondern auch Grundgesetze und Menschenrechte außer Kraft gesetzt. Und die Tendenzen zeigen auf, dass diese „selbstinszenierten Ausnahmezustände“ schon sehr bald zu einer „konstitutionellen Diktatur“ führen – wie es der österreichische Philosoph und Professor der Rechtswissenschaften Gerhard Donhauser dokumentiert (Donhauser, 2015).

Weitere konkrete Beispiele zur Macht der Medien:

Kaiser Willhelm
Das Monster Willhelm, bigthink.com

1912 – 1918: Der Deutsche Kaiser Willhelm II. wurde als der US-Staatsfeind Nr. 1 in den US-Medien dargestellt, damit a) die Machtelite von den sozialen Unruhen ablenkt und b) die Rüstungsindustrie sich in einem Weltkrieg beteiligen kann, was natürlich höchst profitabel ist. Europa bzw. Deutschland, waren zu dieser Zeit, kein Thema für die „gewöhnlichen“ Bürger der USA, denn es lag weit fern und sowohl die Empathie, als auch das Interesse sinken bekanntlich mit der Distanz. Zum anderen war die Zeit von 1880 – 1918, geprägt von den heftigsten innenpolitischen Arbeiter-Aufständen; Streiks und sozialen Unruhen, vor allem in den USA. Allein 1914 sind 35.000 Arbeiter, aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen gestorben und 100.000 Familien lebten mit nur $500 im Jahr (Zinn, S. 327). Diese sozial-wirtschaftliche Ungleichheit, verdanke man der Monopolisierung, der Zentralisierung und der Konzentration von Macht und Geld (Korporatismus).

rockefeller
J.D.Rockefeller, dailymail.co.uk

Bis 1891 hatte Rockefellers Standard Oil, den weltweiten Erdöl Handel im Griff: 90% der US-Kerosin-Exporte und 70% Weltmarkt-Anteile. United Fruit Company besaß 1.9 Mio. acres/ fast 800.000 Hektar in Kuba und Bethlehem Steel besaß fast 80% aller Mineral-Exporte Kubas (Zinn, S. 310). „Die neue imperialistische Elite und Oligarchie bestand vor allem aus J. P. Morgan und J. D. Rockefeller, welche direkt oder indirkt über Finanznetzwerke, 341 Direktorposten in 112 rießen-Konzerne kontrollierten“ – Zinn, S.323. Genau hier kommt die Propaganda ins Spiel. Als Aufstände blutig niedergeschlagen wurden und die Macht einer kleinen Elite so offensichtlich wurde, musste man in die Trickkiste greifen. Der Höhepunkt: „5. Mai 1886 – Haymarket Riot“ – die Geburtsstunde des 1. Mai (Tag der Arbeit). Ein weiterer negativer Höhepunkt waren die Ausschreitungen in Colorado (Ludlow-Massaker) und zugleich markiert dies die Geburtsstunde der Corporate Public Relations (PR). Die Gewerkschaft in Colorado organisierte einen Streik aufgrund der ausbeuterischen Verhältnisse, die Konzernelite rund um Rockefeller (der Besitzer der Colorado Fuel & Iron Co.) hingegen, organisierte bezahlte Streikbrecher und schickten schlussendlich die Nationalgarde, welche ein Massaker an Frauen, Kinder und Arbeiter verübte. Um das Image vom Ersten Milliardär (Rockefeller) der Geschichte zu bewahren, engagierte er den PR-Fachman Ivy Lee. Die Rockefeller sind in der Öffentlichkeit als hilfsbereite Philanthropen dargestellt, während die Geschichte uns eines besseren belehrt. Wichtig ist in der heutigen Informations- und Technologiewelt nicht mehr „die Wahrheit“, sondern das Image bzw. die Marke. Diese aufzupolieren, bedarf es viel Geld und kompetente PR-Berater.

Die Massenmanipulation gelingt mit Techniken wie unter vielem: De-Kontextualisierung und der Fragmentierung. Dies und die psychologischen Komponenten einer Mediemanipulation beschreibe ich kurz im folgenden Beitrag – 020_so_einfach_ist_medienmanipulationklick auf Bild.

Ratschläge: Man muss sich vor übersimplifizierten, von „eingerahmten“ (framed) Medienberichte und vor der Freund-Feind-Dichotomie in Acht nehmen. Sobald man merkt, dass man Vorurteile und negative Emotionen hat, hervorgerufen durch gewisse Sendungen und Nachrichten, sollte man sich den Gesamtkontext anschauen und sich ein genaueres Bild machen – dies bedeutet in der Regel viel lesen! Man braucht eine „Medienkompetenz“ in der heutigen „Informations-Revolution“.

 

Literatur:

Knape, Joachim: Was ist Rhetorik?,Reclam, Stuttgart 2000.
Susanne Lachenicht – Information und Propaganda, R. Oldenburg, München, 2004.
Colin Chrouch – Postdemokratie, Frankfurt am Main, 2012.
Richard van Dülmen – Theater des Schreckens, 4. Aufl., München, 1995.
Edward L. Bernays – Crystallizing Public Opinion, Liveright, 1923.
Edward L. Bernays – Propaganda, 1928.
Noam Chomsky – Manufacturing consent: The political economy of the mass media, University of Wisconsin, March 15, 1989.
Antony Sutton – Wallstreet and the Rise of Hitler, Perseus, 2013.
Dirk Schäfer – Der Beginn des Doktor Spin, Süddeutsche Zeitung vom 19. Mai 2010.
LIoyd C. Gardner, Walter F. LaFeber, Thomas J. McCormick – Creation of the American Empire, vol. 1: U.S Diplomatic History to 1901, Chicago, 1976.
Oliver Stone, Peter Kuznick – The Untold History of the U.S., Ebury Press, LLC 2012.
Howard Zinn – A People’s History of the United States, Harper Perennial Verlag, 2005.
Anthony R. DiMaggio – Mass Media, Mass Propaganda, Lexington Books, 2009.
Elizabeth M. Perse, Media Effects and Society (Mahway, NJ: Lawrence Erlbaum,
2001), 27.
Peter Phillips, „Ownership and Control of the Media,“ in War, Lies, & Videotape:
How Media Monopoly Stifles Truth, ed. Lenora Foerstel (New York: IAC, 2000), 57.
Mickey Z, The Seven Deadly Spins: Exposing the Lies Behind War Propaganda
(Monroe, Me.: Common Courage, 2004), 57.
Howard Kurtz, „The Post on WMDs: An Inside Story,“ Washington Post, 12
August 2004, 1(A).
Michel Foucault – Überwachung und Strafe; Suhrkamp, 1993; Analytik der Macht, Suhrkamp, 2005.
Gerhard Donhauser – Angst und Schrecken, new academic press, 2015.
Vencislav Bondikov – Manipulation und öffentliche Kommunikation: Mythen und Realität, Paradox, 2011, übers. a. d. bulg.
Larry Tye: The Father of Spin. Edward L. Bernays and the Birth of Public Relations. Crown, New York 1998.
Tom Regan – When contemplating war, beware of babies in incubators, Csmonitor.com.
Albert Morris – Civilisation Hijacked, Iuniverse Inc, 2009.
Daniele Ganser – Vortrag: Medienkompetenz und Kriegspropaganda, Berlin, 23.10.2015.

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