Infowars – Kampf um Ideen

In diesen Beitrag geht es zentral um zwei Begriffe die unsere Epoche und Gesellschaft am besten charakterisieren: Informationszeitalter (Digitalisierung) und Kampf der Ideen. Ersteres ist ein Begriff der vom Soziologen Manuel Castells geprägt wurde. Für ihn ist das Informationszeitalter eine „historische Epoche menschlicher Gesellschaften“ (Castells, 2001: 423ff), die auf das sogenannte Industriezeitalter folgt. Dieses Zeitalter basiert auf die massive Ausbreitung von mikroelektronischer Informations- und Kommunikationstechnologien. Besonderes Kennzeichen des Informationszeitalter ist, dass das technologische Paradigma der Produktion und digitalisierten Distribution und Mobilisierung von Wissen hier zunehmend in allen gesellschaftlichen Teilbereichen vorherrschend wird. Mit anderen Worten leben wir in einer „Kultur der realen Virtualität“ (Castells, 2001: 375ff). Das Internet öffnete die Büchse der Pandora wenn man so will. Ein zweischneidiges Schwert: Einerseits können nicht mal mehr Kleinkinder diesen Informationsfluss entrinnen, andererseits ist das Informationsnetzwerk dezentral strukturiert. Vor allem dank Organisationen wie WikiLeaks ist das weltweite Informationsnetz auf politischer Ebene nicht monopolisiert. Die Konsequenz: Vor allem Nationalstaaten haben mittlerweile wenig Macht über die Informationsströme (Löhr, 2011: 14ff). Was bedeutet das für jeden einzelnen Menschen? Da wir täglich von mehr als 3.000 Werbungen zugeschüttet werden (Jean Killbourne), da wir der aufdringlichen Penetration von jeglicher Information nicht entrinnen können und da die „Medienkommunikation praktisch alle Schichten des gesellschaftlichen Seins durchwirkt, ist die Medienkompetenz eine unverzichtbare Voraussetzung des sozialen Überlebens und der sozialen Selbstdurchsetzung“ (Saxer, 1992: 21). Überspitzt formuliert könnte man meinen: Bewusste Ernährung reinigt den Körper und das bewusste Konsumieren von Information reinigt den Geist.

Das Informationszeitalter verändert demnach die Dynamik des international geführten Kampf um die Deutungshoheit (Legitimation) und damit verbunden auch um politische und gesellschaftliche Macht (Salzborn, 2015: 9). Es handelt sich um einen Kampf (bzw. Krieg) der Ideen, wie es der Soziologe und Politikwissenschaftler Prof. Samuel Salzborn beschrieb. Dieser erbitterte Kampf wird seit tausenden von Jahren geführt, wie man es leicht anhand des klassischen ideengeschichtlichen Kanon ablesen kann. „Folgt man Samuel Salzborn, so waren und sind politische Theorien immer Teil eines konkreten historischen und diskursiven Settings, sind Antwortversuche auf konkrete Fragen oder Zweifel von Zeitgenossen: „Politische Theorien entstehen in der Absicht, politische Ordnungen zu verändern – oder sie vor Veränderungen zu bewahren“ (Rotsinn, 2017). Mit den Worten von Salzborn:

Die Theorien- und Ideengeschichte ist (…) im doppelten Sinn eine Waffe: Erstens, da die Analyse von zeitgenössischen Konflikten selbst Bestandteil politischer Auseinandersetzung war und politische Theorien intervenierend mit Blick auf die jeweilige historisch-politische Ordnung formuliert wurden, also in ihrem Entstehungskontext eigentlich Systemanalysen waren; und zweitens, da die Bezugnahme auf die Geschichte politischer Theorien in ihrer Rezeption diese selbst wieder zum Instrument werden lässt“ (Salzborn, 2015: 16). Ideen sind umkämpft!

Ganz deutlich sehen wir dies am Beispiel der Vertragstheorien, die als Legitimationsgrundlage der modernen Herrschaftsverhältnisse und damit zur Bedingung bürgerlich-liberaler Gesellschaften in Europa und Amerika wurden. Da dieser Kampf um Legitimation, also auch der Kampf um Ideen zu Exklusionsmechanismen führt, kam es stets zu Bücherverbrennungen, Verbannungen, Diskussionen und Kämpfen. Heutzutage fechten vor allem feministische und anarchistische Theorien den bürgerlich-liberalen Konsens/ Kanon an. Wir sehen also, dass Theorien kein neutraler Ort darstellen. Theorien könnte man als Herrschaftsinstrumente betrachten. Theorien sind aber noch viel mehr: Sie sind ein diskursives Phänomen, dass jeden einzelnen tangiert.

Wie gefährlich die Waffen der Ideen sind in unserem Informationszeitalter sieht man anhand von einfachen Beispiel deutlich: Mit scharfer Zunge, polemischer Rhetorik und populistischen Floskeln verhalf Alex Jones mit seinen über 2 Mio. Youtube-Abonnenten Donald Trump zum Sieg. Mit einem klaren Statement erkannte Alex Jones den Nerv unserer Zeit: „Alex Jones and his team of Infowars reporters are breaking down the electronic Berlin Wall of media control by reaching millions of people around the world – with more waking up every day.“ Um sich vor solchen „bubbles“ (Blasen) zu schützen und die Medienkompetenz zu fördern benötigen wir ein neues Lernprogramm an den Schulen.

Welche Zugänge wir zur Information haben und wie „abhängig/ süchtig“ wir von Information geworden sind, muss ich nicht weiter kommentieren:

Mobilgräte werden völlig anders genutzt als tragbare Printmedien wie Zeitschriften oder Bücher. Quelle: gestaltenlernen.ch

 

Literaturangabe:

Albert Löhr, Vitali Altholz, Eckhard Burkatzki (Hg.), Unternehmensethik im digitalen Informationszeitalter (dnwe Schriftenreihe), Rainer Hampp Verlag, München, 2011.
Manuel Castells, The Rise of the Network Society: The Information Age: Economy, Society, and Culture Volume I (Information Age Series, Band 1), ders. End of Millennium, The Information Age: Vol.III, Cambridge, 1998.
Manuel Castells, Manuel Castells ‚Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft‘: Aus der Triologie ‚Das Informationszeitalter‘, Opladen, Leske und Budrich, 2001.
Ulrich Saxer, Medien als Gesellschaftsgestalter, In: Medienkompetenz als Herausforderung an Schule und Bildung. Ein deutsch-amerikansicher Dialog, Kompendium zu einer Konferenz der Bertelsmann Stiftung, Gütersloh, 1992.

Verfasst von Josef Muehlbauer am 20. Sept. 2017 mit der Inspiration von meinem sehr verehrten Prof. Oliver Marchart.

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