Analysen der Macht. Von Gramscis Hegemonie, über postmoderner Dekonstruktion bis hin zu Spivaks subalterne Artikulation

#Postkolonial #Postmodern #Neomarxistisch #Feministisch #Dekonstruktivistisch #Gayatri Spivak

In diesem Beitrag gehe ich auf die postkoloniale Theorie der indischen Literaturwissenschaftlerin Prof. Gayatri Chakravorty Spivak ein. Genauer gesagt analysiere ich ihren Beitrag „Can the subaltern speak“ von 1983. Hierin untersucht sie die Subalternen, also die „zerstreuten“, die „marginalisierten“, die „von minderen Rang“ und nicht zuletzt „die ausgebeuteten“, welche aufgrund von kolonialer und nationaler Geschichtsschreibung als politische Subjekte nicht wahrgenommen und somit auch nicht gehört werden. Und wer nicht gehört wird, kann im „privaten“ sagen was er will, „öffentlich“ sprechen und gehört wird er nie. Dieser Vorgang kann im poststrukturalistischen Sinne Foucaults im Nexus von Wissen/Macht bzw. im Sinne der deutschen Kommunikationswissenschaftlerin Natasha A. Kelly als „Ent_Wahrnehmungsstrategie“ verstanden werden (Kelly, 2016). Doch darauf komme ich etwas später noch im Detail zu sprechen.

Begriffsbestimmung: Spivak definiert den Begriff der Subalternen anlehnend an Ranajit Guha (2000), also als ein Raum, der in einem kolonialisierten Land von den Mobilitätslinien abgeschnitten ist. Die Linien greifen aber ineinander und sind nicht klar zu ziehen:

„Es gibt eine fremde Elite und eine indigene Elite. Unterhalb dieser finden wir die Vektoren einer Aufwärts-, Abwärts-, Seitwärts- und Rückwärtsmobilität vor. Aber dann gibt es einen Raum, der praktisch in jeder Hinsicht außerhalb dieser Linien liegt. Mit anderen Worten, jeder Moment der als Fall von Subalternität bemerkt wird, ist unterminiert“ (Spivak, 2014: 121; Vgl. Guha, 2000: 1-7).

Die Geschichtsschreibung als Wissen ist eine Quelle der Macht: Das Archiv[1] als Hort der Macht (Steyerl, 2014: 10), wurde zugleich als ein Ort der Produktion und der Reproduktion von Wissen. Was gesellschaftlich eingeblendet wird und wie es interpretiert wird hat also nicht nur mit Wissen und Wahrnehmung, sondern vor allem mit den dahinter liegenden Macht- und Herrschaftsverhältnissen und somit auch mit Hierarchie zu tun (Vgl. Kelly, 2016: 97ff)[2]. Geschichtlich betrachtet ist der Ort der Wissensproduktion ein Kampffeld, ähnlich einem Box-Ring in dem Akteure um die hegemoniale Deutungshoheit kämpfen. Intellektuelle wie Salzborn sprechen in diesem Zusammenhang von einem „Kampf der Ideen“, andere wie u.a. der Populist Alex Jones hingegen verwenden den Begriff „Infowars (bzw. Information Warfare)“[3]. Salzborn bringt es vortrefflich auf den Punkt:

„Die Theorien- und Ideengeschichte ist (…) im doppelten Sinn eine Waffe: Erstens, da die Analyse von zeitgenössischen Konflikten selbst Bestandteil politischer Auseinandersetzung war und politische Theorien intervenierend mit Blick auf die jeweilige historisch-politische Ordnung formuliert wurden, also in ihrem Entstehungskontext eigentlich Systemanalysen waren; und zweitens, da die Bezugnahme auf die Geschichte politischer Theorien in ihrer Rezeption diese selbst wieder zum Instrument werden lässt“ (Salzborn, 2015: 16).

Die Wissensproduktion und vor allem die Reproduktion finden jedoch nicht nur in Fakultäten statt, sondern umfassen im Informationszeitalter und im Zuge der Digitalisierung (fast) alle Lebensbereiche.[4] Insofern muss auch der Machtbegriff von der reinen physischen Gewalt differenziert werden, da er sowohl die symbolische Macht (Lefort, 1990), das symbolische Kapital (Bourdieu), das Wissen als Machtform (Foucault), als auch soft power (kulturelle Hegemonie) inkludiert. All diese Aspekte und Facetten der Macht können im Hegemoniebegriff von Gramsci interpretiert werden und als (imperiale) Machttechniken verstanden werden. Mit anderen Worten: Herrschaft beruht nicht nur auf Zwang und Gewalt, sondern auch auf Konsens, Zustimmung, Opportunismus und Gewohnheit (Vgl. Howson, 2008). Wissen und Nicht-Wissen wurde im Zusammenhang der kolonialen Theorien als ein Identifikationsmuster verstanden. In dem „der Westen“ den Orient beschrieb (als barbarisch, unzivilisiert, wild) konstituierte er sich selbst. Einfacher gesagt: In dem der Westen den Orient definierte, definierte der Westen sich selbst. Im Kontrast des „Nicht-Sein“ wurde das eigene Subjekt wahrgenommen und somit die eigene Identität geschaffen. Diese Kritik finden wir beim renommierten postkolonialen Theoretiker namens Edward Said (Orientalismus, 1981). Interessanter meiner Meinung nach, verhält es sich mit der Konstituierung des weiblichen Subjekts bzw. der weiblichen Identität:

Postkolonialer Feminismus: Subalterne Frauen sind in doppelter Hinsicht in den Schatten gestellt worden, weil sie sowohl der lokalen patriarchalen Struktur, als auch der fremden kolonialen Macht unterworfen waren und von jeglicher sozialen Mobilität ausgeschlossen wurden (und werden). Dies bringt Spivak deutlich zum Ausdruck am Beispiel der indischen Witwenverbrennung: Auf der einen Seite wurden die Witwen die sich selbst opferten (weil ihr Ehemann starb) vom lokalen Patriarchat verehrt und verherrlicht, da sie ihre Tradition bewahren. Auf der anderen Seite jedoch wurden diese Rituale politisch instrumentalisiert von den britischen Kolonialmächten, welche auf die barbarische Zurückgebliebenheit der Inder aufmerksam zu machen. Auch was die ideologische Konstruktion vom Geschlecht betrifft, verliert die subalterne Frau ihr (politisches) Subjekt, weil sie als Objekt kolonialisierter Geschichtsschreibung bzw. im Moment des subalternen Aufstandes, also im Inbegriff des Männlichen artikuliert wird. De facto wird sie in doppelter Weise stumm geschaltet und kann weder im politischen Sinne repräsentiert, noch im Sinne der Darstellung (Abbildung) repräsentiert werden. Ein subjektloses Subjekt?

Hierarchie und Machtstruktur: Mit der subalternen Theorie von Spivak kann man folgende Hierarchie grob skizzieren (Spivak, 2014: 50):

1. Dominante ausländische Gruppe (transnationale, koloniale Elite)

2. Dominante einheimische Gruppe auf nationaler Ebene (Aristokratie, Bürgertum, Kirche)

3. Dominante einheimische Gruppe auf regionaler und lokaler Ebene (Feudalherren, Adel)

4. Die subalterne Klasse („sprachlose unterdrückte Klasse)

Es entstanden zwischen einzelnen Ebenen (insbesondere zwischen der 1. und 2. Gruppe) zahlreiche Koalitionen. Ein Zitat von Spivak verdeutlich die Konstellation deutlich: „Die heutige Arbeitsteilung stellt eine Verschiebung jenes unterteilten Feldes dar, das durch den territorialen Imperialismus des 19. Jahrhunderts abgesteckt wurde. Mit den Worten von Spivak:

Eine Gruppe von Ländern, die im Allgemeinen der Ersten Welt angehören, ist in der Position, Kapital zu investieren; eine andere Gruppe, in der Regel der Dritten Welt angehörend, bildet das Feld für mögliche Investitionen und zwar sowohl durch die indigenen Kapitalisten, die die Rolle von Kompradoren übernehmen, als auch durch die schlecht geschützte und in Veränderung begriffene Arbeitskraft in diesen Ländern. Im Interesse einer Aufrechterhaltung von Zirkulation und Wachstum des Industriekapitals wurden Transportsystem, ein Gesetzeswerk und standardisierte Bildungssysteme entwickelt  während lokale Industrien zerstört, die Landverteilung neu gestaltet und Rohstoffe in die kolonialisierten Länder gebracht wurden. (…) Die Ausbeutungsstrukturen werden noch durch patriarchale soziale Verhältnisse verstärkt (Spivak, 2014: 57ff).

Am konkreten Beispiel von Bangladesch wird diese Art von „Koalitionspolitik“ besser ersichtlich: Bangladesch war eine Feudalgesellschaft, in welcher Feudalherren Leibeigene besaßen. Als die Briten dieses Land kolonialisierten, wurden die Feudalherren zu Steuereinnehmern für die Briten (Vgl. Spivak, 2014: 124). In Indien zur Kolonialzeit wurden britische Gesetze implementiert, welche als Mechanismus epistemischer Kontrolle, also als strukturelle Gewalt angesehen werden können. Cui Bono? Das internationale Kapital profitiert von der Interdependenz der Dritten Welt, während sich die nationale Elite als Nutznießer die Ausbeutungsstruktur entpuppt. Die Globalisierung ist dabei nichts anderes als eine „territoriale [und visuelle] Verlagerung, ein und derselben Doktrin, welche den weltweiten Imperialismus vorantreibt, nämlich „The US-Manifest of Destiny“ (Spivak, 2004).

Faschismus als Brecheisen des Kapitals? Die Sicht von Mike Davis, welche Spivak zitiert beantwortet die Frage wie sich die Abhängigkeit zwischen Zentrum und Peripherie etablieren konnte. „Es war vielmehr die globale Logik konterrevolutionärer Gewalt, die die Bedingungen für die friedliche ökonomische Interdependenz eines gezügelten atlantischen Imperialismus unter amerikanischer Führung geschaffen hat. […] Eine multinationale militärische Integration unter dem Schlagwort der kollektiven Sicherheit gegenüber der UdSSR ging der wechselseitigen Durchdringung der wichtigsten kapitalistischen Ökonomien voraus und hat diese beschleunigt; dies hat die neue Ära des kommerziellen Liberalismus, der zwischen 1958 und 1973 aufgeblüht ist, möglich gemacht“ (Davis, 1984: 9; Spivak, 2014: 63f).

Post 9/11 Welt und die neue Subalterne: Anlehnend an Donald E. Pease kann man von einer neuen Form von Subalternen sprechen, da sich der Staatswille von dem Willen der eigenen BürgerInnen getrennt hat. Diese Transformation geschah im Zuge der Terroranschläge vom 11. Sept. 2001. Leere Signifikanten wie u.a. „Homeland“ wurden in den politischen Diskurs eingeführt, um einerseits die eigene Bevölkerung zu mobilisieren und homogenisieren, andererseits um die eigene (Staats-)Macht zu konsolidieren (Vgl. Pease: 2009). Im Namen der Sicherheit wurde der Ausnahmezustand zum „Normalzustand“ erklärt und somit wurden nicht nur die Grundgesetze suspendiert, sondern auch Menschen- und Bürgerrechte verletzt (Vgl. Donhauser, 2015). In diesem Sinne wurde der Wille des Staates, also der Wille der Staatsgewalt vom Willen (und Interesse) der eigenen Bevölkerung abgeschnitten und genau deshalb spricht Peace von den neuen Subalternen. Diese anti-demokratische und sogar autoritären Tendenzen findet man auch in Europa. Man bedenke hierbei, dass Frankreich schon zum sechsten Mal den Ausnahmezustand verlängerte (Gallmeyer, 2017).

Conclusio: Spivak arbeitet mit den postkolonialen Theorien von E. Said, neomarxistischen Ansätzen von A. Gramsci und kritisiert dabei die französischen Intellektuellen wie M. Foucault und G. Deleuze aufgrund ihres Machtbegriffes, der als „mystifizierende Kategorie“ die Rolle der Ökonomie ignoriert. Spivak selbst ist postmodern und untersucht die Herrschaftsstruktur mittels Dekonstruktion.

 

Literaturverzeichnis:

Davis, Mike (1984), The Political Economy of Late-Imperial America, New Left Review, 143 (Jan./Feb. 1984).

Donhauser, Gerhard (2015), Angst und Schrecken: Beobachtungen auf dem Weg vom Ausnahmezustand zum Polizeistaat in Europa und den USA, New Academic Press, Wien.

Gallmeyer, Kerstin, Au revoir Ausnahmezustand. Anti-Terror-Gesetz in Frankreich, Tagesschau Online vom 1.11.2017, abgerufen am 21.11.2017.

Howson, Richard/ Smith, Kylie (2008), Hegemony. Studies in Consensus and Coercion, Routledge, New York, Oxon.

Kelly, A. Natasha (2016), Afrokultur. „der raum zwischen gestern und morgen“, Unrast Verlag, Münster.

Lefort, Claude (1990): „Die Frage der Demokratie”. In: Rödel, Ulrich (Hg.): Autonome Gesellschaft und libertäre Demokratie. Frankfurt/M: Suhrkamp, S. 281 – 297.

Lefort, Claude / Gauchet, Marcel (1990): „Über die Demokratie: Das Politische und die Instituierung des Gesellschaftlichen“. In: Rödel, Ulrich (Hg.): Autonome Gesellschaft und libertäre Demokratie. Frankfurt/M: Suhrkamp, S. 89 – 122.

Pease, E. Donald (2009), The New American Exceptionalism, Critical American Studies Series, University of Minnesota Press, Minneapolis, London.

Salzborn, Samuel (2015), Kampf der Ideen. Die Geschichte politischer Ideen im Kontext, 1.Aufl., Nomos Verlag, Baden-Baden.

Spivak, Gayatri Chakravorty (2014), Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subaltern Artikulation, a.d.Engl. von Alexaender Joskowicz und Stefan Nowotny, Verlag Turia & Kant, Wien.

Spivak, Gayatri Chakravorty (2008), The Trajectory of the Subaltern in My Work, University of California, Lecture Series: „Voices“, University of California Television (UCTV), URL: https://www.youtube.com/watch?v=2ZHH4ALRFHw&t=1991s.

Steyerl, Hito (2014), Die Gegenwart der Subalternen, In: Spivak, Gayatri Chakravorty (2014), Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subaltern Artikulation, a.d.Engl. von Alexaender Joskowicz und Stefan Nowotny, Verlag Turia & Kant, Wien, S. 7-16.

[1] Die diskursive Formation auf genereller Ebene verbindende Systematik nennt Foucault das „Archiv“. Es ist ein allgemeines System der Formation und Transformation der Aussagen und somit ist es eine Systematik der Transformation. Somit bildet das Archiv den Wissenshorizont einer Gesellschaft, welches auf der Masse des Gesagten beruht. Vgl. Raffnsoe, Sverre/ Gudmand-Hoyer, Marius/ Sorensen Thaning, Morten (2011), Foucault. Studienhandbuch, Wilhelm Fink, München, S. 195ff.
[2] Diese Struktur von Wissen und Nicht-Wissen im Kontext von Macht, hält die deutsche Kommunikationswissenschaftlicherin und Panafrikanistin Natasha A. Kelly in ihrem Buch Afrokultur fest und zwar in Bezug auf das Konzept der „kolonialen Ent_wahrnehmung“. Darin heißt es, dass die Re-Produktion von kollektivem Wissen der weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft einhergeht mit einem Nichtwissen, da die fehlende Wahrnehmung vom Schwarzen Wissen als Nichtwissen attestiert wird. Vgl. Kelly, A. Natasha (2016), Afrokultur. „der raum zwischen gestern und morgen“, Unrast Verlag, Münster, S. 97ff.
[3] Alex Jones beschreibt seine Website folgendermaßen: „there’s a war on for your mind“, Quelle: https://www.infowars.com/.
[4] Muehlbauer, Josef (2017), Infowars – Kampf um Ideen, URL: https://josefmuehlbauer.com/infowars-kampf-um-ideen/.

 

Veröffentlicht von Josef Muehlbauer am 21.11.2017 – dieser Beitrag entstand dank den genialen Vorlesungen von der Philosophin Birgit Langenberger

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