Gibt es Sexismus? Krieg gegen Frauen oder ein feministischer Mythos?

(TW: Grafic Description of Violence, Rape)

Die Kernfrage dieses Beitrags lautet: Gibt es so etwas wie Sexismus überhaupt in unserer „modernen“, komplexen, hoch-industrialisierten und „hoch-entwickelten“ Gesellschaft? Oder handelt es sich um ein Propaganda-Instrument feministischer Gruppierungen, die dadurch an die politische Macht gelangen wollen? Oder aber sehen wir den Elefanten im Raum nicht und es findet ein regelrechter Krieg gegen Frauen statt?

Die Frage scheint beinahe trivial und das nicht aufgrund der gesellschaftlichen Relevanz. NEIN, ganz im Gegenteil. Banal erscheint die Frage aufgrund der Leichtigkeit mit der jedes Kind antworten könnte! Und doch ist eine plakative Antwort auf diese Fragen notwendiger denn je. Eine US-Studie belegte, dass rund 63% der Frauen Sexismus als real empfinden, während 59% der Männer die Diskriminierung der Frauen nicht wahrnehmen (Margie Warell, Guardian, 2.Sept.2016). Wie kommt es zu dieser offensichtlichen Diskrepanz? Leben Männer und Frauen etwa jeweils in einer Parallelwelt oder gar auf getrennte Planeten? Gehen wir nun auf die Fakten ein, um uns ein klares Bild zu verschaffen:

Den Sexismus kann man auf unzähligen Ebenen betrachten, die sowohl als „öffentlich“ als auch „privat“ angesehen werden.

Beginnen wir mit der Ausbildung: Rund 12,72 Mio. Mädchen werden allein in Pakistan aufgrund mangelnder sozialer bzw. ökonomischer Voraussetzungen zu „Schulabbrecherinnen“. Damit fehlt es ihnen nicht nur an Bildung, sondern auch an sozialen Aufstiegschancen. Man stelle sich jedoch vor: Pakistan steht in der Geschlechtergleichheit noch vor Indien und Afghanistan (Tribune, Nov 29, 2016). Weltweit können laut UIS Daten (UNESCO Institute of Statistics) rund 15 Mio. Mädchen nicht lesen oder schreiben, sage und schreibe um 33,33% mehr als ihr männliches Gegenpart. Dieser „Gap“ zwischen den Geschlechter scheint sich in letzten Jahrzehnten gebessert zu haben, da dieser eklatante Unterschied in „nur“ 17 von 144 Staaten zu finden ist (Kim Elsesser, Forbes, Oct 27, 2016). Wenn wir uns nun die weiteren Statistiken anschauen, wird klar warum wir jedoch noch weitere 170 Jahre warten müssen, um eine Gleichberechtigung zu erleben (World Economic Forum, 2016).

Einkommen: Werfen wir einen Blick auf das durchschnittliche Gehalt:

Frauen verdienen durchschnittlich fast 50% weniger als Männer (WEF, 2016). Ja Sie haben richtig gelesen, rund die Hälfte weniger! Weltweit haben lediglich 56% ein eigenes Bankkonto. Im ökonomischen Bereich (Einkommen) sehen wir sogar einen Rückwärts-Trend, weil wir heute auf dem Niveau von 2008 sind. In Hong Kong zum Beispiel ist der „pay gap“ seit 2011 sogar noch größer geworden (Sarah Karacs, SCMP, 2015).

Unbezahlte Arbeit: Frauen leisten rund 60% mehr unbezahlte Arbeit als Männer. Eine Studie belegte, dass Frauen den größten Teil der unbezahlten Arbeit erledigen (Hausarbeit, Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen). Sowohl die durchschnittliche Arbeitszeit, als auch die Dauer der unbezahlten Arbeit ist bei Frauen wesentlich höher als bei Männern (Jill Treanor, Guardian, 25 Oct, 2016). Fazit: Männer (in Vollzeit) bekommen laut Studie 73 Prozent ihrer Gesamtarbeitszeit bezahlt, während teilzeitbeschäftigte Frauen nur für 43 Prozent ihrer Arbeit auch Geld erhalten und den größten Teil unbezahlt leisten (Welt, 23.4.2017). Die Ökonomin und Politikwissenschaftlerin Gabriele Michalitsch erklärte mir im Interview, wie dieser „gender gap“ sich durch kapitalistische bzw. neoliberale Machtstrukturen noch weiter ausgedehnt hat (Zum Interview).

Auch die Aufstiegschancen für Frauen in der Arbeit und in der Politik sind deutlich niedriger, wie es die nächsten beiden Grafiken zeigen:

Lediglich 18% Frauen bekleiden Ministerposten und es gibt lediglich 20% weibliche Abgeordnete. Also auch im Bereich politischer Partizipation fallen die Frauen weit zurück. In der „Vorzeige-Demokratie“ namens USA, jener Staat der weltweit die liberale Demokratie exportiert, ist der Unterschied sogar noch höher. In den USA haben lediglich 17% der Berufs-fähigen Frauen die Chance ein politisches Amt zu bekleiden.

Kommen wir nun zu einem noch offensichtlicheren Phänomen der Diskriminierung: Zwangsarbeit. Die Statistik ist erschreckend:

  • Ein Drittel der Opfer von Menschenhandel ist minderjährig, schätzt das UN-Büro zur Drogen- und Verbrechensbekämpfnung (UNODC).
  • Die Opfer stammen vor allem aus Afrika, Süd- und Ostasien sowie Osteuropa und werden nach Westeuropa, Nordamerika und auf die Arabische Halbinsel geschleust.
  • 70 Prozent der Opfer sind Frauen. Nur wenige TäterInnen werden verurteilt.
  • Das Problem ist vermutlich noch viel größer. Viele Krisenstaaten werden in der Studie nicht berücksichtigt.
  • Mehr als die Hälfte der verschleppten Menschen wird dem Bericht zufolge als Sexsklaven ausgebeutet, etwa 40 Prozent muss Zwangsarbeit leisten (Robert Gast, Süddeutsche, 24.Nov.2014).

Frauen gelten hierbei als eine Ware, als eine Art „Frischfleisch“. Und das neutrale und demokratische Österreich ist mittendrin statt nur dabei. Denn es fungiert nicht nur als Transit- sondern auch als Zielland (Duygu Özkan, Die Presse, 26.3.2013). Die ökonomischen Auswirkungen der Globalisierung haben vor allen die Frauen schwer getroffen. Vor allem junge Frauen lassen sich in die Falle locken und gehen in der Hoffnung auf ein besseres Leben ein hohes Risiko ein. Oftmals endet die Reise tödlich. Im besten Fall werden sie Pflegerinnen oder Putzfrauen und schuften für ein Mindestlohn 12 Stunden am Tag und zwar 7 Tage die Woche.

Wer bis zu dieser Stelle des Beitrags gekommen ist und den Geschlechterkampf bzw. den Krieg gegen die Frauen noch immer nicht bemerkt haben sollte, möge sich die folgenden Ausführungen zu Herzen nehmen. Es handelt sich um ein extremes Spektrum der Diskriminierung. Doch bevor ich darauf eingehe möchte ich ein Paradebeispiel für „männliche Ignoranz“ im Bezug auf Sexismus zitieren:

Im 21. Jahrhundert und bei nahezu völliger gesetzlicher Gleichstellung von Mann und Frau fällt es dem heimischen Feminismus zunehmend schwer, reale Feinde zu identifizieren.“ Und weiter schreibt der österreichische Philosoph Georg Schildhammer folgende scharfsinnige Analyse: „Dass sie dies mit ökonomischer Abhängigkeit von Männern erkaufen, nehmen sie bewusst und freiwillig hin. Sie könnten sich ja auch anders entscheiden: bei der Wahl ihrer Ausbildung, ihres Lebensstandards und bei der ihrer Partner.

Nicht nur angesichts der gezeigten Statistik, sondern vor allem aufgrund der Replik von der österreichischen Historikerin und Politikwissenschaftlerin Hanna Lichtenberger, erscheinen solche Kommentare als ein letztes Aufbäumen männlicher Ignoranz und  patriarchaler Unterdrückung! Doch das beste kommt ja bekanntlich zum Schluss:

(Schild-) Hammerharte Worte folgen bei folgender Argumentation: Schildhammer relativiert in einer Talkshow die (männliche) Gewalt gegenüber Frauen, in dem er „hoch-philosophisch“ aufzeigt, dass er auch Männer kenne die unter (weiblicher) Gewalt leiden. Die weibliche Gewalt solle man nicht unterschätzen so Georg Schildhammer. (Min. 33:21)! Wie fehlgeleitet seine Annahmen sind, belegen deutlich die folgenden statistischen Daten:

  • Eine Studie belegt: Jede dritte Frau in Europa hat als Erwachsene körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren.
  • 35 Prozent haben seit ihrem 15. Lebensjahr mindestens einmal sexuelle oder körperliche Gewalt erlebt, sind also geschlagen, getreten, geohrfeigt, begrapscht, genötigt oder zum Sex gezwungen worden (Elisa Britzelmeier, Süddeutsche, 27.4.2016).
  • Je nach Gewaltform haben 56% bis 80% der Betroffenen psychische Folgebeschwerden davongetragen (Schlafstörungen, Depressionen, erhöhte Ängste etc.). Besonders hoch war der Anteil bei psychischer und bei sexueller Gewalt (Zum Download der Studie).
  • Lediglich 16% der Fälle werden angezeigt! Fazit: Bei den Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung ist die Dunkelziffer erschreckend hoch.

Zwei-Drittel der Homicid-Opfer/ bzw. Partnermord-Opfer sind Frauen. Die Zahl ist erschreckend hoch und liegt bei 43.600 im Jahr 2012 (UNODC, 2013 – Zum Download). Folgende Grafik lasse ich einfach unkommentiert:

Der größte Feind der Frau scheint ihr eigener Lebenspartner zu sein (sehr empfehlenswert: Louise CK, On Dating): Umgekehrt betrachtet: Rund 5% der Frauen hingegen brachten ihre Männer um. Und selbst diese Statistik täuscht, denn oftmals wurde aus Notwehr gehandelt, so die WHO Studie von 2012 (Zum Download). In der Vorzeigedemokratie USA sterben fast täglich fast 5 Frauen (4,67 um genau zu sein; Times). 150 Mio. Frauen und Mädchen erlebten allein im Jahr 2002 sexuelle Gewalt. Anders ausgedrückt werden täglich rund 411.000 Frauen sexuelle Misshandelt (UNICEF, 2002). Rund 130 Mio. Frauen werden Genital-verstümmelt („Beschnitten“), so die traurige Bilanz (UNICEF, 2010).

Man könnte noch Bücher voll schreiben mit Zahlen und Fakten und so mancher Philosoph wird sich noch immer staunend fragen was diese FeministInnen eigentlich wollen. Was für ein Kampf kämpfen diese Frauen eigentlich? Was ist Sexismus und gibt es so was wirklich? Naja… Die wirtschaftspolitischen Machtstrukturen sind durchwegs von männlichen Werten durchzogen („Schumpeters Unternehmer“), die Hierarchien stets von Männern besetzt (laut der Forbes Liste der reichsten und einflussreichsten Menschen) und somit wäre man ein „Holz- bzw. Cafehaus- Philosoph“, wenn man den feministischen Kampf nicht versteht!

Einige elementare Gründe warum wir den Elefanten im Raum nicht sehen:

  • Sozialisation: unsere soziale Rollenbilder vermitteln uns von klein auf wie wir uns je nach Geschlecht zu verhalten haben. Frauen werden oftmals als blonde Barbie-Puppen abgebildet und dienen nicht nur als Plastikspielzeug für minderjährige Kinder. Hingegen ist der Mann stark, emotionslos und der Brotverdiener. Der Mann darf nicht schwäche zeigen und insofern auch nicht weinen („Ein Indianer kennt kein Schmerz“). Diese (traditionellen) Stereotype sind schwer zu durchbrechen und prägen unsere Gesellschaft. Die Politikwissenschaftlerin Mariele Friesacher schrieb diesbezüglich einen Beitrag für das Varna Peace Institute (hier zu lesen).
  • Werbung: Täglich werden wir von mehr als 3.000 Werbungen (Plakate, Video-Clips, Transparente…) bombardiert. Das Motto lautet „Sex sells“ und dementsprechend werden Frauen nicht nur instrumentalisiert, sondern auch objektiviert. Mit „nacktem Fleisch“ verkauft man sogar technische Produkte und scheut vor keiner Eskapade (Zum Video über die Werbeindustrie – Jean Killbourne).
  • Gesetze: In den USA gibt es fast 700 Verordnungen bzw. Gesetze, welche den weiblichen Körper reglementieren. Ganze 0 hingegen für den männlichen Körper. Nicht genug, dass die Frau von der Rippe des Mannes abstammt. Nein! Die Rippe im Bauch, bzw. den gesamten Bauch darf sie auch nicht behalten (Thema: Abtreibung).
  • Filmindustrie: 2014 spielten lediglich 28,1% Frauen die Hauptrolle in einem Hollywood-Film. Über die offensichtliche Unterdrückung der Frau in der Pornobranche kann man sich in meinem Beitrag hier informieren.
  • Sprachstruktur: Selbst in der alltäglichen Kommunikation finden wir Formen der (perfiden) Unterdrückung. Die Grenzen meiner Sprache sind laut Wittgenstein auch die Grenzen meiner Welt. Somit prägt die Sprache auch unsere Wahrnehmung und somit auch unser Welt- und Frauenbild. Die Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch hat sogar zahlreiche Bücher darüber verfasst.
  • Sozialstruktur: Frauen fungieren in dieser patriarchalen Struktur oftmals selbst als Mittäter. So zum Beispiel profitieren weiße Frauen, von der massiven Ausbeutung asiatischer bzw. schwarzer Frauen. Damit übersieht man aber die doppelte Struktur: Nämlich Frauen können Täter und Opfer gleichzeitig sein.
  • Psychologie: Niemand sieht sich gerne in der Opferrolle. Daher ist es oft leichter die Unterdrückung zu verdrängen. Hier spielt die kognitive Dissonanz eine Rolle. Denn das Idealbild von sich (Selbstbild), tritt in Konflikt mit der Realität über die eigene Situation, über das eigene Ich. Das erklärt auch warum so viele Frauen zwar klare Opfer darstellen, sich aber als solche nie bezeichnen würden. Damit ist noch nicht Schluss: Das bekannte Stockholm-Syndrome besagt, dass Opfer sogar ein positives Verhältnis zu ihren Täter aufbauen und damit entsteht der Eindruck, dass der Unterdrückte gar nicht unterdrückt wird.

Quellen:

Hannah Fingerhut (is a research assistant focusing on U.S. politics and policy at Pew Research Center), In both parties, men and women differ over whether women still face obstacles to progress, Pew Research Center, August 16, 2016.
Margie Warell, Unconscious bias: most women believe sexism still exists but most men disagree , Guardian, 2.Sept.2016.
UIS Daten (UNESCO Institute of Statistics), URL: http://uis.unesco.org/en/topic/gender-equality-education. Abgerufen am 4.7.2017.
Global Gender Gap Index 2016, World Economic Forum, URL: http://reports.weforum.org/global-gender-gap-report-2016/infographics/, Abgerufen am 4.7.2017.
Jill Treanor, Gender pay gap could take 170 years to close, says World Economic Forum, Guardian, 25 Oct, 2016.
Christina Klenner, Rainer Jung, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (WSI), Pressemitteilung 2017, Erwerbstätige Frauen arbeiten täglich 1,6-mal so lang unbezahlt wie Männer, 24.04.2017.
Robert Gast, Das Leid von 40.000 Sklaven, Süddeutsche Zeitung vom 24.11.2014, URL: http://www.sueddeutsche.de/politik/un-bericht-zum-menschenhandel-das-leid-von-sklaven-1.2235018.
Duygu Özkan, „Österreich ist mittendrin im Menschenhandel“, Die Presse, 26.3.2013.
Georg Schildhammer, Feminismus: Der Traum vom warmen Eislutscher, Kommentar in der Zeitung Standard, vom 19.3.2015.
Hanna Lichtenberger, Schildhammer und der Albtraum Feminismus, Mosaik-Blog vom 22.3.2015, URL: http://mosaik-blog.at/schildhammer-und-der-albtraum-feminismus/.

 

Verfasst von Josef Muehlbauer, mit der kreativen Unterstützung von Mariele Friesacher (BA,BA) und der Ökonomin Gabriele Michalitsch.

 

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