Unterdrückung und Versklavung der Frau

In diesem Beitrag gehe ich auf das Buch „Die Hörigkeit der Frau (The subjection of women)“ ein, verfasst vom britischen Philosophen und Ökonomen John Stuart Mill (und seiner Frau Harriet Taylor Mill).

Mills Gesellschaftskritik richtet sich insbesondere auf die „Frauenfrage“ zur Zeit des viktorianischen Zeitalters. Darin beschreibt er den historischen Prozess der Unterdrückung der Frau. Auf mehrere Aspekte geht er diesbezüglich ein:

  • Biologischer Determinismus
  • Eherecht bzw. Ehevertrag
  • Soziale Rolle der Frau
  • Sklaverei und Abhängigkeiten

Eherecht, Vermögen und Abhängigkeit der Frauen: Gleich zu Beginn seines Werkes, greift er das Thema des Eherechts und die Stellung der Frau in der Familie auf: „Sie kann nichts tun ohne seine, wenigstens stillschweigende, Erlaubnis. Sie kann für sich kein Eigentum erwerben; in dem Augenblick, wo es ihr zufällt, selbst durch Erbschaft, wird es ipso facto das seine. In dieser Beziehung ist die Lage der Frau unter dem gemeinen Gesetz von England übler, als die der Sklaven unter den Gesetzen verschiedener Länder. Das römische Gesetz gestattete zum Beispiel dem Sklaven sein Pekulium und sicherte es ihm bis zu einer gewissen Ausdehnung zu seinem ausschließlichen Gebrauch. (…) Das Gesetz betrachtet die beiden als »Eine Person«, um daraus die Folgerung herzuleiten, was ihr gehöre, sei auch das Seinige, der Parallelschluß, was sein sei, gehöre ihr, wird aber niemals daraus gezogen. Diese Maxime wird niemals gegen den Mann angewendet, außer um ihn dritten Personen gegenüber für ihre Handlungen verantwortlich zu machen, gerade ebenso, wie ein Herr für das, was seine Sklaven oder seine Haustiere tun, verantwortlich ist. Ich bin weit entfernt, behaupten zu wollen, die Frauen würden im allgemeinen nicht besser behandelt als Sklaven; aber kein Sklave ist Sklave in solcher Ausdehnung und in so vollem Sinne des Wortes, wie es die Frau ist. So leicht ist kein Sklave, vielleicht mit alleiniger Ausnahme dessen, welcher den Herrn persönlich bedient, in jeder Stunde, jeder Minute Sklave; im allgemeinen hat er sein bestimmtes Tagewerk, und ist dies vollbracht, so verfügt er innerhalb gewisser Grenzen über seine übrige Zeit und hat ein Familienleben, in das der Herr selten störend eingreift. »Onkel Tom« hat bei seinem ersten Herrn seine »Hütte« und lebt darin beinahe ebenso, wie jeder Mann, dessen Beruf ihn vom Hause entfernt, in seiner Familie zu leben imstande ist. Ganz anders ist dies mit der Frau.“ – so Mill (1869.

Ein Gegenargument gegen solche gesellschaftlichen Praktiken bringt Mill vortrefflich ein: Nur weil es in der Vergangenheit so war und selbst wenn es immer so gewesen ist, ist es kein (moralisches) Grund, dass es weiterhin so bleibt! Mit der Rekursion auf die Vergangenheit, könnte man heute die Blutrache wieder einführen. Doch nicht nur diese Legitimationsversuche widerlegt Mill präzise:

Die Legitimationsbasis für den eben beschriebenen Ehevertrag, oder aber für die Zuweisung der sozialen Geschlechterrollen lautet im Sinne des biologischen Determinismus: Die Frau, so argumentiert man in Verteidigung dieser Unterdrückung, sei von Natur aus emotional und somit auch irrational. Deswegen solle sie sich im Haus (also im „Privaten“) zurückziehen, damit sie nicht die Öffentlichkeit beschmutze. Ihr wahres Lebensziel sei es, sich als ein Teil der Familie zu entfalten, also sprich: Kinder zu gebären, diese groß zu ziehen und dem Mann als Mittel zur Befriedigung materieller, psychischer (vor allem emotionaler) und körperlicher Bedürfnisse. Sie sei passiv, apolitisch und nicht fähig ihre Vernunft zu bedienen. Damit wurde der Frau im viktorianischen Zeitalter, also im 19. Jh. das Wahlrecht aberkannt. Ob die Frau wirklich schlechter, schwächer und unvernünftig ist als der Mann, könne man nicht wissen, weil Frauen nie die Möglichkeit der freien Selbstverwirklichung hatten – so Mills Gegenargument.

Mill geht in seiner Kritik so gar so weit, dass er die kontinuierliche soziale und wirtschaftliche Abhängigkeit der Frau mit dem Begriff der Sklaverei gleichsetzt. Und tatsächlich kommt der Begriff Sklaverei in seinem Werk sehr häufig vor. Hier einige treffende Zitate:

„Je weniger geeignet ein Mensch für den Besitz der Macht ist, je weniger wahrscheinlich es ist, daß jemand ihm freiwillig irgendwelche Macht über sich einräumen würde – um desto mehr liebäugelt er mit der Macht, die ihm das Gesetz zuspricht, besteht er auf seinen gesetzlichen Rechten bis zu dem äußersten Punkte, den der Gebrauch (und zwar der Gebrauch seinesgleichen) duldet, und hat ein Vergnügen an der Ausübung seiner Macht lediglich deshalb, weil er dadurch das angenehme Gefühl ihres Besitzes in sich immer wieder lebendig macht.“ (Mill, 1869: 2. Kapitel)

Die Sklaverei, welche eine bloße Frage der physischen Kraft zwischen dem Herrn und dem Sklaven gewesen war, wurde geregelt und ward ein Punkt des Übereinkommens zwischen den Herren, welche sich miteinander zum gegenseitigen Schutz verbanden und sich durch ihre vereinigte Kraft ihre gesamten Besitztümer und einschließlich auch ihre Sklaven garantierten. In früheren Zeiten war die Mehrzahl des männlichen Geschlechtes ebensogut Sklaven wie das gesamte weibliche Geschlecht. Und es verflossen viele Jahrhunderte, und unter diesen manches Jahrhundert hoher Kultur, ehe ein Denker kühn genug war, das Recht und die absolute Notwendigkeit der einen oder der andern Sklaverei in Frage zu ziehen. Allmählich standen solche Denker auf, welche den allgemeinen Fortschritt der Gesellschaft unterstützten, und so ist denn in allen Landern des christlichen Europas (in einem derselben allerdings erst in den letzten Jahren) die Sklaverei des männlichen Geschlechts gänzlich aufgehoben, die des weiblichen Geschlechts nach und nach in eine mildere Form der Abhängigkeit umgewandelt worden. Diese Abhängigkeit, wie sie gegenwärtig existiert, ist jedoch keine ursprüngliche Institution, welche durch Erwägungen der Gerechtigkeit und der sozialen Wohlanständigkeit einen frischen Impuls erhalten hätte – sie ist der immer noch andauernde primitive Zustand der Sklaverei, nur gelindert und gemäßigt durch dieselben Ursachen, welche im allgemeinen die Sitten gemildert und alle Beziehungen zwischen den Menschen einem größern Einflusse der Gerechtigkeit und Humanität unterworfen haben.“ (Mill, 1869: 1. Kapitel)

Noch mehr; bei dem von Natur am rohesten und moralisch am wenigsten erzogenen Teile der untersten Klassen ruft die gesetzliche Sklaverei der Frau und gewissermaßen auch schon der Umstand, daß dieselbe physisch seinem Willen als Werkzeug unterworfen ist, ein solches Gefühl der Geringschätzung und Verachtung des Mannes gegen die eigene Frau hervor, wie er gegen keine andere Frau und überhaupt keinen andern Menschen, mit dem er in Berührung kommt, empfindet und vermöge dessen er sie für einen geeigneten Ableiter für alle seine Launen und Roheiten hält.“ (Mill, 1869: 2. Kapitel)

„Es gibt keine Sklaven mehr außer den Herrinnen jedes Hauses“ (Mill, 1869: 4. Kapitel). Die Richtigkeit dieses Satzes könnte man anhand des noch heute stark präsenten Sexismus bestätigen.

Mein persönliches Fazit: Obwohl ich der Ethik des Utilitarismus und der liberalen politischen Philosophie sehr skeptisch und kritisch gegenüber stehe, finde ich es bemerkenswert wie J.S. Mill seiner Zeit weit voraus war und mit vortrefflichen Argumenten den biologischen Determinismus und den naturalistischen Fehlschluss dekonstruierte.

Im Nachfolgenden Video-Beitrag finden Sie weitere Informationen zu diesem Buch, zum Autor John S. Mill und zu der Zeit des viktorianischen Zeitalters:

Quellen:

John Stuart Mill, Die Hörigkeit der Frau (The subjection of women), Erscheinungsjahr 1869, London.

Susan Okin, (was a liberal feminist political philosopher and author) URL: https://www.youtube.com/watch?v=1_orivJQ-vg

 

Verfasst von Josef Muehlbauer, am 18.11.2017. Dieser Beitrag entstand dank den genialen Vorlesungen von der österreichischen Philosophin und Feministin Birgit Langenberger.

 

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