Kampf der Kulturen? Nur ein Aufsatz, oder Aufhetz?

Quelle: https://www.slideshare.net/christianedyer

Der Kampf der Kulturen werde Morgenland und Abendland entzweien. So lautete vor 20 Jahren die These des US-Wissenschaftlers Samuel Huntington. Sein Aufsatz wurde zum Klassiker – und missbraucht, als Hetze gegen Muslimeso – Nicolas Richter (2013).

„Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“ ist seit ihrer ersten Veröffentlichung 1993 zu einem festen Bestandteil der öffentlichen Debatte geworden. Das ist insofern erstaunlich, als die große Resonanz, die diese These gefunden hat, zumindest von wissenschaftlicher Seite von Anfang in einer massiven Kritik bestand. Huntingtons These sei eine grob vereinfachende Weltformel, deren Einprägsamkeit auf schwammigen Begriffen basiert und deren Anwendung auf konkrete Fälle voller Widersprüche ist – so der einhellige Tenor“ (Prof. Simone Dietz, 2017). Auch sein Kulturbegriff ist nicht analytisch-wissenschaftlich und auch nicht logisch kohärent (Martina Binter BA, 2017).

Gehen wir nun Schritt für Schritt darauf ein:

Zum Kontext: Die Systemkonkurrenz, also der Eiserne Vorhang war nicht lange verschwunden, da erschien der Artikel „The Clash of Civilisations?“ in der renommierten Geopolitik-Zeitschrift „Foreign Affairs“.  Huntington selbst ist ein vehementer Vertreter des politischen Realismus und war stets eingebettet im US-politischen System (u.a. als Politik-Berater). Dies reflektiert dementsprechend auch seine nationalistische und kulturrassistische These in seinem Buch. Gegen Huntington und gegen falsche Feindbilder tritt die Streitschrift vom bulgarischen Literaturpreisträger Ilija Trojanow, der für mehr Mut, Vernunft und Miteinander plädiert (Tojanow, 2007). (Im Kanal des Varna Friedensforschungsinstitut finden Sie weitere Videobeiträge vom preisgekrönten Literat Trojanow – Link)

Zur These: Nach dem Ende des Kalten Krieges werden große Konflikte die Menschheit bedrohen und zwar nicht aufgrund von materiellen Bedingungen (wie Ökonomie und Politik), sondern auf Aufgrund von „Civilisations“ (Kultur), also aufgrund von Kulturkreise die sich über Religionen definieren. Die Welt ist nach dem Systemzerfall der Sowjetunion mutlipolar und multikulturell geworden. In der empirischen Anwendung seiner These teilt er die Welt in sieben und mehr große Kulturkreise ein, zwischen denen seiner Ansicht nach die Bruchlinien der drohenden Konflikte verlaufen. Diese Kulturkreise sind:

  • Der Westen (USA, Europa, Kanada, Australien und Neuseeland)
  • Lateinamerika
  • Afrika (auch für Huntington ist fraglich ob Afrika als einheitliche Kultur gelten kann)
  • Der Islam (von Maghreb, zum Nahen Osten bis zu Indonesien)
  • Das sinische China (trotz der 55 offiziell anerkannten nationalen Minderheiten) – als „konfuzianische Kultur“
  • Buddhistischer Kulturkreis (Kambodscha, Thailand, Laos, Birma, Nepal…)
  • Indien – als hinduistischer Kulturkreis
  • Der Orthodoxe Kulturkreis (Russland, Baltikum, Süd-Ost-Europa,…)

Identitäten und Religionen sind also sowohl das Bindeglied, als auch der Hauptfaktor für internationale bzw. kriegerische Konflikte (Arte, 2007). Anders formuliert: „Die Definition nationaler Interessen orientiert sich an kulturellen Gesichtspunkten“ – so die Philosophieprofessorin Simone Dietz. Nationalstaaten bleiben zwar die Hauptakteure auf der Weltbühne, aber sie agieren homogen und in Koalitionen – so Huntington. Wie falsch allein diese Prämisse seiner These ist, sieht man sobald man einen Blick auf real existierende Beispiele für Konflikte und einen Blick auf die internationale Politik wirft:

  • Wenn Religion ausschlaggebend für die Homogenität eines Kulturkreises ist, warum gehört nicht Lateinamerika zum Westen? – hier wurde willkürlich eine Grenze gezogen!
  • Die Aussage, dass der Islam eine homogene Einheit darstellt, spielt rassistischen Strömungen in die Hände und hat mit der Realität nichts zu tun, da es Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten, und nicht zuletzt zwischen Arabern und Perser gibt. Muslime von Marokko bis Indonesien waren nie eine geostrategische oder überstaatliche Einheit bzw. Koalition! Diese Phänomene werden von Huntington verschleiert und systematisch ausgeblendet.
  • Huntingtons Blockdenken widerspricht zumal der vernetzten und globalisierten Welt von heute. Selbst starke Rivalen wie die USA und China sind voneinander abhängig und stehen in wirtschaftlichen Verhältnissen.
    • Wie erklärt sich Huntington die Freundschaft und das Bündnis des US-Imperiums mit dem weltweit größten Exporteur von konservativ-wahhabitischen Fundamentalismus?
  • Beispiele der Vergangenheit widerlegen ganz klar seine Prämissen: Im Kongo bringen Afrikaner Afrikaner um und in Ägypten, im Irak oder in Afghanistan bringen Muslime andere Muslime um.
  • Wenn tatsächlich die nationale Interessen an kulturelle Identitäten gebunden wären, warum halt die US-Invasion bzw. der Westen (NATO-Länder) die muslimischen bzw. orthodoxen Länder des Balkans im Jugoslawienkrieg?
  • Die Kriege in Afghanistan 2001 und im Irak 2003 basierten ebenfalls nicht entlang der „kulturellen Konfliktlinien“. Der erste Krieg war ein völkerrechtswidriger Vergeltungsschlag, der zweite entsprang einer paranoiden Denunzierung, die sich später als propagandistische Kriegslegitimierung entpuppte (Saddams Massenvernichtungswaffen).
    • Wenn ökonomische oder politische Faktoren keine Hauptsächliche Rolle spielen, warum hat die USA sowohl den Irak (unter Saddam Hussein) als auch den Erzfeind Iran mit (chemischen) Waffen versorgt?

Fazit: Huntington scheint von Geostrategie, Ressourcen, Ökonomie und schlicht von Politik wenig Ahnung zu haben, so scheint es zumindest wenn man sich seine schwachen Thesen und Prämissen ansieht. Die deutsche Professorin Dietz formuliert es weniger polemisch: „Neben der allgemeinen Kritik am wissenschaftlichen Niveau von Huntingtons Ausführungen richten sich Einwände vor allem gegen seine Einteilung der Kulturkreise. Die Kriterien der Einteilung seien heterogen, sie orientieren sich im einen Fall an der Religion, im anderen an den nationalen Grenzen. Ihre Anwendung sei schwammig und widersprüchlich und betreffe in vielen Fällen eher klassische Machtkonflikte um politische und territoriale Kontrolle, so dass die Behauptung einer zentralen kulturellen Dimension der Konflikte nicht belegt wird.

Das Buch, das weltweit von unverantwortlichen Politiker (siehe Berlusconi weiter unten) und von Anhänger der „Eurabia-Theorie“ rezipiert wurde (und noch wird) endet mit folgendem Satz. Dieser Satz deutet auf die ideologische Geladenheit dieser Hetzschrift (vor allem gegen den Islam):

„Im Kampf der Kulturen werden Europa und Amerika vereint marschieren müssen oder sie werden getrennt geschlagen. In dem größeren Kampf, dem globalen‚ eigentlichen Kampf’ zwischen Zivilisation und Barbarei sind es die großen Weltkulturen mit ihren großen Leistungen auf dem Gebiet der Religion, Kunst und Literatur, der Philosophie, Wissenschaft und Technik, der Moral und des Mitgefühls, die ebenfalls vereint marschieren müssen, da auch sie sonst getrennt geschlagen werden“ (Huntington, 1996: 531).

Huntington geht von einem „blutigen Islam“ aus und so ist es nicht verwunderlich dass die historische Wahrheit auf der Strecke bleibt (Harald Müller, 1998: 15). Die Machtpolitik der USA und die Erdölinteressen des Westens übersieht Huntington systematisch. „Der von Huntington erwähnte Konflikt im Kaukasus zwischen Armenien, Aserbaidschan und den umliegenden Großmächten kann man kaum als einen „Kampf der Kulturen“ bezeichnen. Auch hier steht nicht der Konflikt im Vordergrund, sondern politische, ideologische und ökonomische (die Ölpipelines) Gründe waren ausschlaggebend. (Studiengesellschaft für Friedensforschung München; Vgl. Peter Barth, 1994).

Silvio Berlusconi über die westliche Überlegenheit und den „bösen Islam“

Der ehemalige italienische Ministerpräsident, Medienmogul und Milliardär Silvio Berlusconi äußerte sich im Bezug auf den „Kampf der Kulturen“ wie folgt: „Wir müssen uns der Überlegenheit unserer Kultur bewusst sein – die aus Prinzipien und Werten besteht, die zu einem beträchtlichen Wohlstand für die Gesellschaft geführt haben. Bei uns gibt es Respekt für die Menschenrechte, die religiösen und politischen Rechte, den es sicher nicht in islamischen Ländern gibt. Bei uns gibt es Verständnis für die Verschiedenheit und Toleranz. Die Fähigkeit der Integration, der Toleranz, der Solidarität macht unsere Kultur zu etwas, worauf wir stolz sein können. Der Westen wird weiterhin Völker erobern, so wie es ihm gelungen ist, die kommunistische Welt und einen Teil der islamischen Welt zu erobern, aber ein anderer Teil davon ist um rund 1400 Jahre zurückgeblieben. Die Freiheit des Einzelnen ist sicher nicht Allgemeingut der islamischen Welt. Diese Zivilisationen sind zu Taten fähig, die mich erschaudern lassen. Man muss nur sehen, wie die Frauen behandelt werden. Daher kann man die beiden Zivilisationen nicht auf dieselbe Stufe stellen“ FAZ vom 26.09.2001.

Quellen:

Samuel P. Huntington, Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21.Jahrhundert, München-Wien 1996.

Harald Müller, Das Zusammenleben der Kulturen. Ein Gegenentwurf zu Huntington, Frankfurt/Main 1998.

Peter Barth, Der Kaspische Raum zwischen Machtpolitik und Ölinteressen, München 1998.

Peter Barth, Im Zeichen des Terrors. Erleben wir einen „Kampf der Kulturen“?, Vortrag an der Bayerischen Beamtenfachhochschule der Polizei in Fürstenfeldbruch im Herbst 2002, URL: http://www.peterbarth.de/islam_aufstaz.htm#fnverweis8.

Jean-Christopher Victor, Kampf oder Allianz der Kulturen, ARTE, 2007, URL: https://www.youtube.com/watch?v=Ql4A2xqQ6v8.

 

Veröffentlicht von Josef Muehlbauer am 4.6.2017, mit der kreativen Unterstützung von Martina Binter (BA) und Ilija Trojanow (Autor, Dozent und Verleger).

 

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