Der Matilda-Effekt – REWI Uni Graz im Gespräch (Podiumsdiskussion)
Der Matilda-Effekt beschreibt ein wiederkehrendes Phänomen: Leistungen von Frauen werden in Wissenschaft (aber auch in Politik, Wirtschaft, Bildung und Kunst) häufig übersehen, unterschätzt oder anderen zugeschrieben.
Die Podiumsdiskussion „Matilda Effekt. Zur (Un-)Sichtbarkeit von Frauen“ widmet sich genau diesen Dynamiken. Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Politik und Kultur diskutieren historische Kontinuitäten, aktuelle Herausforderungen sowie mögliche Wege zu mehr Sichtbarkeit und Anerkennung von Frauen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen.


Am Podium diskutieren:
Gabriele Schmölzer (Dekanin der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, Universität Graz)
Martin Polaschek (ehemaliger Bundesminister für Bildung, Wissenschaft und Forschung)
Anita Ziegerhofer (Institutsleiterin, Institut für Rechtswissenschaftliche Grundlagen, Universität Graz)
Stefanie Wöhl (Jean Monnet Chair, FH BFI Wien)
Bella Volen (Kunstgaleristin, Dozentin & akademische Kunstmalerin)
Die Diskussion zum Matilda-Effekt wurde co-moderiert von Josef Mühlbauer, Friedensforscher an der Universität Graz als auch der REWI Uni Graz. Initiatorin des wissenschaftlichen Kunstprojekts „Matilda“ ist Mag. Bella Volen (https://bella-volen.com/)
Weiterführende Links und Quellen lassen sich in der YouTube Infobox finden.
Schöne Momente: Die Studierenden kamen im Nachhinein zu mir und gratulierten mit solchen Worten (ich paraphrasiere):
Ein wirklich gelungener Austausch! Die Kombi aus analytischer Tiefe und persönlichen Perspektiven hat das Panel sehr lebendig gemacht.
Danksagung: Ein großer Dank für die tolle Kooperation, Zusammenarbeit und Hilfe geht an Prof. Jürgen Pirker, Dr. Maximilian Lakitsch, Kathrin Maderbacher, Vanessa Nistelberger, Dr. Ksenia Radchenkova, Isabella Harkam als auch der Koordinationsstelle für Geschlechterforschung, Christina Fischer-Lessiak.
Kunst als epistemische Intervention: Bella Volens „Matilda“-Projekt
Ein besonders produktiver Zugang ergibt sich über die Arbeiten von Bella Volen. Ihr Projekt „Matilda“ lässt sich nicht einfach als künstlerische Begleitung eines wissenschaftlichen Diskurses verstehen, sondern vielmehr als eigenständige Form der Wissensproduktion. In ihren Werken wird Unsichtbarkeit nicht nur thematisiert, sondern visuell und ästhetisch erfahrbar gemacht.
Matilda Joslyn Gage
Die Bezugnahme auf Matilda Joslyn Gage als Namensgeberin des „Matilda-Effekts“ verleiht dem Konzept eine wichtige historische Tiefenschärfe. Gage war eine zentrale Figur der US-amerikanischen Frauenrechtsbewegung des 19. Jahrhunderts, deren Beiträge lange marginalisiert wurden. Diese doppelte Unsichtbarmachung ist analytisch aufschlussreich. Sie zeigt, dass Ausschlüsse nicht nur entlang von Geschlechtergrenzen verlaufen, sondern auch innerhalb politischer Bewegungen reproduziert werden können. Der Matilda-Effekt ist somit nicht nur ein Phänomen der Wissenschaftsgeschichte, sondern Teil einer breiteren Geschichte von Macht, Erinnerung und Kanonbildung.
Der Matilda-Effekt als wissenschaftssoziologisches Konzept
Theoretisch lässt sich der Matilda-Effekt im Schnittfeld von Wissenschaftssoziologie, feministischer Theorie und Erkenntnistheorie verorten. Ursprünglich als Gegenbegriff zum sogenannten „Matthew-Effekt“ formuliert, beschreibt er systematische Verzerrungen in der Zuschreibung von wissenschaftlicher Leistung.
Zentral ist dabei die Frage nach epistemischer Autorität: Wer gilt als legitimer Wissensproduzentin? Wer wird zitiert, wer wird übergangen? Es geht hierbei also primär um die Anerkennung von weiblicher Leistung in der Wissenschaft.
Interdisziplinarität als analytische Stärke
Ein zentrales Verdienst des Panels lag darin, diese unterschiedlichen Ebenen miteinander ins Gespräch zu bringen, nämlich die institutionelle Perspektive der Politik und der Universität, die historische Dimension sowie die Verbindung mit künstlerischen Reflexionen. Warum ist das wichtig? Gerade diese Verschränkung ermöglicht es, den Matilda-Effekt nicht nur als Diagnose, sondern als analytisches Werkzeug zu begreifen. Er hilft dabei, blinde Flecken in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen sichtbar zu machen
Mein persönliches Fazit auf dieser Podiumsdiskussion: Die Diskussion um den Matilda-Effekt gewinnt an Tiefe, wenn sie nicht isoliert als Gleichstellungsproblem betrachtet wird, sondern als Ausdruck grundlegender Fragen von Wissen, Macht und Sichtbarkeit.