Friedens- und Konfliktforschung

In diesem Beitrag wird der Begriff, als auch das Beschäftigungsfeld der Friedensforschung analysiert und beschrieben. Darüber hinaus gehe ich auf die historische Entwicklung dieses Fachgebietes ein.

Definition: Da Konflikte in jeder Gesellschaft und in unzähligen Erscheinungsformen auftreten, ist allein der Begriff des Konfliktes schon schwer zu definieren. Und Konflikte wiederum sind ein essentieller Bestand der Friedensforschung, da sie auf der einen Seite versucht die Konflikte zu analysieren (Ursachenforschung) und auf der anderen Seite diese zu lösen (Peacebuilding; Beratung, Diskursethik). Daher wird die Friedensforschung oftmals als Doppelbegriff und als Friedens- und Konfliktforschung verwendet (Schlotter/ Wisotzki, 2011). Die Friedensforschung beschäftigt sich also einerseits mit einem interdisziplinären Spektrum an Fachgebieten (u.a. Soziologie, Politik- und Rechtswissenschaften, Psychologie) und andererseits mit einer historisch-vergleichenden Dimension, entlang von „cleavages“ wie Klasse, Ethnizität, Religion oder Gender. Die Konfliktforschung ist keine spezifische Disziplin, jedoch ein Teil der Soziologie und Politikwissenschaft. Schon allein diese Bestimmung deutet schon darauf hin, dass die Gefahr gegeben ist, dass die Friedens- und Konfliktforschung ausufernd, trans- und interdisziplinär und somit unpräzise erscheint (Pelinka, 2016: 10-19).  Angesichts ihrer Komplexität bezeichnet man die Friedensforschung als „interdisziplinären Forschungskomplex“ (Jahn, 2012: 7).

Schlüsselbegriffe:

  • Knappheit – Der Kampf um materielle Ressourcen (Erdöl, Metalle, Wasser…) war und ist aufgrund der ungleichen Verteilung ein Konfliktpotential, welches mit dem kapitalistischen Konzept der „künstlichen Verknappung“ (also dem Mechanismus von Angebot und Nachfrage) noch verschärft wurde. Waren wie u.a. Geld, Gold und Energieträger (Erdöl) erhalten ihre Wertsteigerung gerade durch die Verknappung – was zu zahlreiche Börsenspekulationen und Krisen führte.
  • Identität – Konflikte können Identitäten befestigen, indem man sich gegenüber einem „Gegenpol“ selbst definiert („defining the other“). Die Exklusion („Die Anderen“) homogenisiert die inkludierten („Wir“) und verschärft dadurch die Trennlinien.  Dies findet im Nationalismus einen Höhepunkt.
    • Ethnizität – Im Rahmen des erstarken Phänomens des Nationalismus im 19. und 20. Jahrhundert wurden schärfere Trennlinien entlang der ethnischen Verschiedenheit gezogen. Nationalstaaten tragen zu dieser Verschärfung bei.
    • Religion – Ähnlich wie die Ethnizität wurden Religionen oftmals von nationalistischen Bewegungen, realpolitischen Ambitionen verschiedener Herrscher und Regime instrumentalisiert, um zu mobilisieren (Kriege zu legitimieren) oder um zu demobilisieren (soziale Revolution oder Säkularisierungsbestrebungen werden aufgrund von konservativ-fundamentalistischen Wahrnehmungen verhindert oder erschwert).
    • Gender: Auch die „Identität der Geschlechter“, also die sozialisierte Wahrnehmung (Konstruktion) der Geschlechter spielt in der Konfliktforschung auch eine essentielle Rolle. Die Frau als schwach, emotional, oder gar instabil zu definieren war ein Grund warum das Wahlrecht der Frauen erst im 20. Jahrhundert in Erscheinung getreten ist. Diese strukturelle Diskriminierung (Sexismus) und Unterdrückung der Frau gilt es zu Durchbrechen.
  • Macht – Laut dem deutschen Soziologen Max Weber ist Macht die Fähigkeit, das eigene Interesse (eigenen Willen) gegen die Interessen anderer durchzusetzen (Weber, 1964). Der französische Soziologe Pierre Bourdieus erweitert diesen Begriff mit den Aspekten des Symbolischen und der Wahrnehmung (Bourdieu, 2010). Michel Foucault erarbeitet mittels Poststrukturalismus einen „neutralen“ Machtbegriff und definiert Macht als Wissen. Diejenigen die Wissen (Selbstverständlichkeit; Begriffe, Diskurse) definieren, geben die sozial-ökonomischen Spielregeln vor und üben somit Macht aus.
    • Wer die Deutungshoheit hat, kann einen Einfluss auf die Konfliktintensität ausüben
    • Sprache definiert den Alltag, also Wissen ist Macht. So können auch „künstlich“ Differenzen oder Unterdrückungsmechanismen entstehen. Dies ist ein Eckpfeiler der feministische Friedensforschung und ihrer Analyse über die patriarchale Machtstruktur.
  • Krieg – Es wird unterschieden zwischen symmetrischen und asymmetrischen Konflikte, also ungleiche Verhältnisse und Proportionalität. Israel als Atommacht gegen Palästina oder das US-Imperium gegen weniger industrialisierte Staaten wie Afghanistan oder Somalia sind in diesen Aspekten kritisch zu hinterfragen. Kann der Schwächere den Stärkeren derart bedrohen, dass nur ein aggressiver Präventionskrieg die Lösung sein kann? Darüber hinaus wird der gerechte Krieg (lt. bellum iustum) seit der Entstehung des Völkerrechts, also seit der Gründung der UNO in Frage gestellt. Das Varna Friedensforschungsinstitut (VIPR) lehnt die „Lehre vom gerechten Krieg“ strikt ab, weil es einer christlich-europäischen antik-mittelalterlichen Tradition entstammt, die auf falsche Prämissen und Dogmen aufgebaut ist. Augustinus (354-430) wollte eine Synthese aus christlicher Tradition und römischer Staatsloyalität und ging davon aus, dass der Krieg ein Teil des Menschen ist (Augustinus, 1955). Diese Lehre wurde von der scholastischen Theologie des Thomas von Aquin (1225-1274) aufgenommen.
  • Klasse – Hier wird das Konfliktfeld der sozio-ökonomischen Verhältnisse analysiert, bestehnd aus dem Akkumulationsprozess des Kapitals und der Arbeit. Diese beide Begriffe werden nicht nur in der marxistischen Theorie als eine Art Dichotomie angesehen.

Geschichte: 1951 entstand die Gruppe „Research Exchange on the Prevention of War“, welche schließlich in das Center for Research on Conflict Resolution mündete. Die Gründung des Peace Research Institutes in Oslo (PRIO) im Jahre 1959 war ein weiterer Meilenstein. Dort arbeitete der geniale Forscher Johan Galtung, der den Machtbegriff noch weiter ausbaute, indem er von kultureller, struktureller als auch von direkter und indirekter Gewalt-(Anwendung) differenzierte. Das vielleicht größte Friedensforschungsinstitut befindet sich heute in Stockholm (SIPRI, 1966) und hat ein Millionenbudget. Aktivisten und Berufsvereinigungen wie u.a. die International Physiscians for the Prevention of Nuclear War (IPPNW) oder der Pugwash Bewegung sind wichtige Aktivitäten im Namen des Friedens. Einen speziellen Blick auf die Ressourcen im Aspekt der Friedensforschung, wirft der Schweizer Historiker Dr. Daniele Ganser und sein Friedensinstitut SIPER. Er geht vom Knappheitsprinzip aus und wirft den Imperien (USA) vor realpolitisch und machiavelistisch Ressourcenkriege zu führen.

Das deklarierte Ziel des Varna Friedensforschungsinstitut (VIPR, englisch: Varna Institute for Peace Research), welches 2016 entstanden ist, legt den Fokus auf die Machtstruktur und auf die „Kultur des Krieges“. Diese Kultur richtet sich nicht nur gegen äußere Feinde (Staatsrivalitäten) sondern auch gegen Bewegungen und Oppositionen im Inneren (Adams). Daher sieht das VIPR die Monopolisierung der Gewalt als den Kern der Staatsmacht, welche durch Geheimhaltung und Informationskontrolle im Namen der „nationalen Sicherheit“ den basisdemokratischen Aspekt der Gesellschaft unterminiert. In dieser Kultur und Machtstruktur sind nicht nur Politiker, Beamte, Diplomaten und Bürokraten beteiligt, sondern alle gesellschaftlichen Institutionen wie: Massenmedien, Bildungswesen (Schulen und Universitäten), Wissensbetriebe (Forschung). Also VIPR arbeitet mit den poststrukturalistischen Machtbegriffs von Foucault, den Friedensbegriff von David Adams und der feministischen Kritik an der patriarchalen Machtstruktur. Anders ausgedrückt: Mit den poststrukturalistischen Ansätzen, basierend auf Emanzipation (Föderalismus) und Selbstbestimmung (partizipative bzw. radikale Demokratie) und im Aspekt der Kultur, des Lernens und sogar der Gefühle, will VIPR die Grundvoraussetzungen des Weltfriedens aufzeigen. Dieser Ansatz bedarf Selbstreflexion und Pluralismus.

Das VIPR beschäftigt insofern also mit den folgenden Themen:

  • Diskursethik (Erziehung, Debatten, Austausch) – Basis einer gewaltfreien Konsensfindung im demokratischen System (demokratische und kommunikative Partizipation)
  • Ökologische Nachhaltigkeit (Umweltschutz)
  • Gender – Die Trennung zwischen biologischem und „kulturellen“ Geschlecht ist eine essentielle Kritik an der patriarchalen Machtstruktur, also der systematischen Unterdrückung der Frau.
  • Weltweites Abrüsten

Weitere Aufgaben und die Agenda finden Sie auf der Website.

Bekannte FriedensforscherInnen:

  • Bertha von Suttner
  • Ernst-Otto Czempiel
  • Johan Galtung
  • Dieter Senghaas
  • Harald Müller
  • Reiner Steinweg
  • Daniele Ganser
  • Peter Strutynski
  • Werner Ruf
  • Ekkehart Krippendorff

 

Literatur:
David Adams, Early History of the culture of peace, 13.6.2015.
David Adams, Culture of Peace: The UN Decade 2001-2010. In: Viktorija Ratkovic (Hg.): Culture of Peace, Klagenfurt, 2010.
Johan Galtung, Strukturelle Gewalt. Beiträge zur Friedensforschung, Reinbek, 1975.
Johan Galtung, Cultural Violence. In: Journal of Peace Research. Vol. 27 (3).
Johan Galtung, Frieden mit friedlichen Mittel, Opladen, 1998.
Dieter Senghaas, Kritische Friedensforschung, Frankfurt, 1971.
Simone Wisotzki, Geschlechterperspektiven in der Friedens- und Konfliktforschung. In: Schlotter/ Wisotzki, Baden-Baden, 2011.
Anton Pelinka, Friedensforschung.Konfliktforschung. Demokratieforschung, BSB, 2016.
Peter Imbusch, Ralf Zoll, Friedens- und Konfliktforschung: Eine Einführung, VS Verlag, 2010.
De civitate Dei, XIX, 11. Übersetzung: Augustinus: Vom Gottesstaat, eingel. und übertragen von Wilhelm Thimme, 2 Bde., Zürich, 1955.

 

Verfasst von Josef Muehlbauer am 2.2.2017. Mit der inspirativen Hilfe von Mariele Friesacher (BA) und dem Team vom Varna Friedensforschungsinstitut (VIPR), Aktualisiert am 28.03.2017.

 

 

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